Einleitung. 1. Aufgabe der Mythologte. Soll die Mythologie mehr sein als Aufzählung der Götter 1md Helden, mehr als Darstellung ihrer Thaten und Schicksale, soll sich das Bewustseiu des Volks in der vorhistorischen Zeit in ihr spiegeln, so darf sie sich nicl)t begnügen, die Mythen vorzulegen, sie muß sie auch deuten, den Logos des Mythos erschlieszen. Ost freilich dringen wir zum Ver- ständniss eines Mythus nicht vor, weil uns der Sinn noch verschlossen ist: dann gilt es, die Augen erst besser zu schärfen und zu üben; oder weil uns nur unvollständige Kunde von ihm beiwohnt: dann müßen mir uns begnügen, die vorhandenen Nachrichten zusammen zu stellen. So lange man einen Mythus noch nicht vollständig kennen gelernt hat, wagt man zu viel, sich auf seine Deutung einzulas;en. ,Ueber halb aufgedeckte Daten philosophische oder astronomische Deutungen zu ergießen, ist eine Verirrung, die dem Studium der nordischen und griechischen Mythologie Eintrag gethan hats Grimm Myth. S. 10. Letztes Ziel der Mythenforschung bleibt freilich das Verständniss der Mythen; aber erst muß der Mythus vollständig ermittelt sein ehe seine Deutung gelingen kann, und auch dann wird es oft noch der Vergleichung fremder Mythologieen bedürfen um über die unsrige ins Klar-e zu kommen. Erst die vergleichende Mythologie kann einst die Ausgabe lösen, die als höchstes Ziel der Forschung bei jeder einzelnen vorsihweben muß. 2. Pcytc1Us. Mythns ist die älteste Form, in wel(her der heidnische Volks-geist die Welt und die göttlichen Dinge erkannte. Die Wahrheit erschien ihm in der vorgeschicl)tlichen Zeit und erscheint dem Ungebildeten noch heutzutage nicht in abstrakten Begriffen, wie jetzt dem geschritten, gebildeten Geiste: sie verkörperte sich ihm in ein Bild, ein Sinn- und Gedankenbild, seine Anschauungen kleideten sich in Erzählungen von den Thaten und Erleb- nissen der Götter, und diese Bilder, diese Erzählungen nennen wir Mythus. Der Mythus enthält also Wahrheit in der Form der Schönheit: der- Mythns ist Poesie, die älteste nnd erhnbenste Poesie der Völker. Er ist Sinn-oft, Mhlhologie. I