VII TECHNISCHE HANDHABUNG, LITERARISOHE BELEGE, URSPRÜNGLICHE BEDEUTUNG DER KREIS- GEOMETRIE; DAS ÄSTHETISCHE PROBLEM Faust II: Der Astrolog spricht: Durch Wunderkraft erscheint allhier Massiv genug ein alter Tempelbau Schau zur Und nun erkennt ein Geistermeisterstück! S0 wie sie wandeln, machen sie Musik. Aus luftigen Tönen quillt ein Weißnichtwie, Indem sie ziehn, wird alles Melodie. Der Säulenschaft, auch die Triglyphe klingt; Ich glaube gar, der ganze Tempel singt. Hinter der Tatsache als solcher erhebt sich sogleich eine Reihe von grundsätzlichen Fragen: Wie ist die technische Handhabung der geo- metrischen Proportion durch den planenden Baumeister und wie die Ausführung auf dem Bauplatz und am Werkstück zu denken? Finden sich Belege in den Literatur-werken und Bildwerken? Wie ist der Brauch der geometrischen Proportion entstanden und was ist sein.ur- sprünglicher Sinn? Welche ästhetische Bedeutung kommt der geo- metrischen Proportion zu? Zum Teil greifen diese Fragen in die Ge- biete abgegrenzter Fachwissenschaften ein, der Archäologie, der Ge- schichte der Mathematik, Astronomie und Astrologie, der Orientalistik und Philologie, der Philosophie. Das Problem liegt eben nicht inner- halb des Gebietes einer Fachwissenschaft; es liegt zwischen den ge- schichtlich gewordenen Grenzen verschiedener Fachwissenschaften; es ist aus einer Zeit her, in der diese notwendigen Grenzscheiden noch nicht aufgewachsen waren, zwischen ihnen liegen geblieben. Gerade darum konnte es auch so lange unbeachtet, ja ungesehen bleiben. Man wird die Beteiligung jener Fachwissenschaften nicht entbehren können, wenn die einzelnen Fragen entscheidend gelöst werden sollen. Für die Zukunft wird also jedenfalls der Versuch gemacht werden müssen, die Arbeit zu teilen, die Ergebnisse der geteilten Arbeit aber zusammen- zuführen, zu sammeln. Man wird die aus allen Teilgebieten geschicht- licher Forschung zu gewinnenden literarischen und bildmäßigen Belege sammeln, wie ich es bereits für mich begonnen habe. Man wird im 109