190 zu wirken und Krüppel und Ungeheuer zu bilden, wie das alle Gemälde und Statuen sind. Denn nichts geringeres als die Erschaffung des Menschen und der Natur ist ihr Ziel." Aber freilich, wenn sie das will, muß sie das ganze Leben durchdringen, sie muß darauf verzichten, ein isoliertes Dasein zu führen. "Die Schönheit muß zu den nützlichen Künsten zurück- kehren, und die Unterscheidung zwischen den schönen und den nützlichen Künsten in Vergessenheit geraten. Denn in der Natur ist alles nützlich, alles schön. Es ist schön, weil es lebendig, regsam, zeugungskräftig ist, nützlich, weil sym- metrisch und wohlgefällig. Aber nicht auf den Ruf des Gesetzgebers wird sich die Schönheit einstellen, noch wird sie in England oder Amerika ihre Geschichte in Griechenland wiederholen. Vergebens erwarten wir von dem Genius, daß er die Wunder der alten Künste erneuere. Es ist sein Instinkt, Schönheit und Heiligkeit in neuen und notwendigen Tatsachen zu linden, im Feld und auf der Landstraße, in Laden und Werkstatt. Einem religiösen Herzen entspringend, wird er die Eisenbahn, das Versicherungsamt, die Aktiengesellschaft, unser Recht, unsere Wahlversammlungen, unseren Handel, die galvanische Batterie, die Leydener Flasche, das Prisma und die Retorte des Chemikers, in denen wir jetzt nur einen wirtschaftlichen Nutzen sehen, zu göttlichem Gebrauch er- heben." So weissagte um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein amerikanischer Philosoph. Bald sollte auch ein amerikanischer Sänger, Walt Whitman, jenen Genius beschwören. Komm, Muse, herüber aus Griechenland und Jonien, Streiche nur jene maßlos überzahlten Rechnungen Für Troja und des Achilles Wut, des Aeneas und des Odysseus Irrfahrten, Schlag an "verzogen" und "zu vermieten" an den Felsen deines schneeigen Par- nasses, Wiederhol" es zu Jerusalem und heft' es hoch an Iaffas Tor und an den Berg Moriah,