Vorrede. Richtigkeit des eingeschlagenen Weges. Vieles, was den Arzten und anderen Sachverständigen als neu entgegentritt, ist von uns einfach den Handwerksregeln verschiedener Kunstgewerbe entnommen worden. Wie der Inhalt des Buches zeigen wird, ergeben sich dadurch neue Gesichtspunkte nach verschiedenen Richtungen hin; so für die Anatomen und Ärzte eine Erweiterung des Grenzgebietes zwischen Wissenschaft und Technik, für die Kreise der Kunst eine Begründung mancher Lehren, die bisher als einfache Regeln des Handwerks von Generation zu Gene- ration fortgeerbt haben. Das Kunstgewerbe wird in der Herstellung von Gegenständen des Gebrauches, die sich der Körperoberfläche des Menschen anpassen müssen, wesentliche Förderunge erfahren, wenn es uns gelingt, in diesen Kreisen an die Stelle empirischer Vorschriften die logisch richtige räumliche Auffassung der Wuchsform zu setzen. Soweit die Kenntnis des Verfassers reicht, gibt es bis jetzt noch keine derartige einheitliche Beschreibung der Wuchsformen und Wuchs- fehler des Menschen, sowohl in bezug auf die nackte, als auch auf die bekleidete menschliche Gestalt, und weiter auch auf die bildliche Dar- stellung derselben. Noch sei ausdrücklich betont, daß wir ein Gutachten darüber, 0b eine vorliegende Wuchsform als "schön" in dem Sinne, wie die eine oder die andere Künstlerschule es auffaßt, zu betrachten ist, höchstens nur dann abgeben werden, wenn sehr bedeutende Abweichungen in den tatsächlichen anatomischen Verhältnissen zu beurteilen sind. Von diesen Gesichtspunkten aus wird das vorliegende Handbuch der angewandten Anatomie als eine Ergänzung zu den bereits vorhandenen Lehrbüchern für Künstler und für Ärzte aufzufassen sein. Es soll für sich allein aber auch ausreichen, jeden Suchenden in die Kenntnis von der KörperoberHäche des proportioniert oder fehlerhaft gebauten Menschen gründlich einzuführen, und es soll genügen für die praktische Gesamtbeurteilung einer vorliegenden Wuchsform. Die Herstellung der Textfiguren ist vor Jahren begonnen und mit wesentlicher Unterstützung von bewährten, anatomisch gut geschulten Künst- lern besonders von Fräulein K. Kemmlein und Herrn O. Herrfurth in Weimar durchgeführt worden. Die Anregung und Belehrung nach der kunstgeschichtlichen Seite hin hat der Verfasser dem seit Jahren ihm befreundeten Museumsdirektor, dem Geheimen Hofrat Dr. Ruland in Weimar, zu verdanken. Die Herstellung des Buches in der vorliegenden Gestalt würde ohne die sachgemäße und kunstverständige Mithilfe des Ver- legers, des Herrn Dr. Petersmann in Leipzig, nicht möglich gewesen Sein. Ob der Verfasser die hochgesteckten Ziele erreicht hat, muß er den aufmerksamen Lesern aus den sehr verschiedenartig sich zusammen- setzenden Interessentenkreisen zunächst überlassen. Für jeden Ver- besserungsvorschlag werden Verfasser und Verleger dankbar sein. DER VERFASSER.