Begriff, Natur constitutive Elemente Renaissance. kenntnisse' nur mit Goetheis ,Faust' zu vergleichen weiss. Eine so mächtige psychologische Offenbarung wie die ,Confessiones' hätte eine tiefgehende Veränderung in Kunst und Litteratur hervorrufen müssen, wäre sie auf den geeigneten Boden gefallen. Aber der Niederschrift dieser Bekenntnisse folgte nach wenigen Jahren das ercicliuan, urbis Romae, und in dem Sturz der Hauptstadt des Reiches versank die künstlerische Schöpfungskraft des in sich erschöpften Alterthums. Jahrhunderte mussten vergehen, ehe die jungen Völker des Mittelalters geistig hinreichend gereift waren, um dem innern Herzschlag des Menschen ihr Ohr zu leihen und in die verborgene Kammer des Herzens hineinzublicken. Wie unbehülflich sie lange Zeit den Vorgängen des Seelenlebens gegenüberstanden, lehren uns ebenso die schöne Litteratur vor dem 13. Jahr- hundert wie die Beichtformulare des frühen Mittelalters, welche uns das sitt- liche Leben der Zeit nur in ihren naivsten und rohesten Umrissen verrathen. Die ,Confessio' des Bischofs Ratherius von Verona Cqualitatis coniectzaraQ geht nicht über diesen Rahmen hinaus, und erst Abälards Briefe an Heloissa wie dessen ,Historia calamitatum suarum' greifen tiefere und wahrere Accorde; Um 1293, also in den Tagen des jungen Dante, verfasste Raymund Lull Selbstbekenntnisse und eine Schilderung seines Lebens. Dann kommt Dante mit seiner ,Vita Nuova", deren poetischer Kern wol zwischen 1283 und 1292 entstanden ist, Während der Prosatext wol um 1300 zu setzen sein wird 1. Ich habe anderwärts durchgeführt, dass meines Erachtens Dante in dieser Schrift kein eigentlich historisches Document hinterlassen, sondern ein freies poetisches Kunstwerk schaffen wollte, welches das ,Phantasma' seiner Jugend, die Liebe in ihrer successiven Entwicklung, in den verschiedenen Phasen ihrer Vergeistigung zu schildern beabsichtigte. Meiner Annahme nach haben that- sächliche Vorgänge äusserer wie innerer Natur den Dichter zur Abfassung der die Substanz der ,Vita Nuova' bildenden Lieder veranlasst; aber diese Vorgänge sind ihm im Grunde nur das Substrat einer Dichtung, welche über das wirklich Erlebte mit voller poetischer Freiheit verfügte und schon sehr früh den grossen Dichter verrieth, der das persönliche Erlebniss mühelos in die Sphäre eines höheren Denkens und des allgemein giltigen Empfindens zu erheben weiss. Ich sehe einen ganz analogen Fall in Petrarcais Laura; mag sie der Name der Frau gewesen sein, die Petrarca 1327 zuerst in der S. Clarenkirche zu Avignon erblickte und welche 1347 an der Pest starb: sicher war auch sie nur wie Beatrice das Substrat einer andern, unendlich Inächtigern Liebe zu einem jener verwandten, alle Vorzüge des weiblichen Geschlechts in sich vereinigenden Wesen. Dieses Wesen war für Petrarca das Phantasma seines Lebens, wie Beatrice es für Dante gewesen; ihre Ver- herrlichung wurde ihm das Piedestal zur Erreichung jenes Lorbeers, welcher Ziel und Inhalt seines ganzen Lebens war 9. Ein ähnliches Verfahren schlägt Chateaubriand seit Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn ein. Er hat sich selbst in seinem ,Rene' gemalt, und Atala ist der Reflex jenes Phantas- ma's, jenes Idealweibes, das sich der jugendliche Dichter aus allem, was er gesehen und geliebt hatte, zurecht gemacht hatte 3. 1 Ich muss für die Begründung dieser und aller im folgenden berührten Fragen der Dante- litteratrlr auf mein Werk: Dante. Sein Leben und sein Werk. Sein Verhältniss zur Kunst und zur Politik. Berl. 1897, verweisen. 2 F. X. KRAUS Francosco Petrarca in seinem Briefwechsel (Essays [BerL 1896] S. 535). 3 CHATEAUBRIAND Mämoires d' Outre- Tombe. Ed. EDM. Blni: I (Par. 1898) 150: