474 Polycletns. beiden älteren gelten, an welche sich ein jüngerer Argiver Poly- clet, der Schüler des Naukides, und ein vierter, aus Thasos, schliesst. Der älteste von diesen Künstlern, ungefähr gleichzeitig mit dem älteren Canachus, ist nach Thiersch der Sikyonier, Welchen auch Plinius nennt, nur dass er ihm die Werke des jüngeren Polyclet zuschreibt, die höchst Vollkommen in ihrer Art waren, während der Sikyonier nur das Verdienst hatte, die uralte Einförmigkeit ruhig und gerade aufgestellter Bildsiiulen aufgehoben, und selbe auf einem Fuss ruhend dargestellt zu haben, wobei aber seine Fi- guren immer noch von einförmiger Breite, und fast noch alle wie nach einem Vorbilde gemacht waren, wie Varro bei Plinius bemerkt. Da heisst es nämlich: Proprium ejus est, ut uno crure insisterent signa, excogitasse, quadrata (nach Thiersch von einförmiger Breite, nach l-lirt zu untersetzt) tarnen ea esse tradit Varro, et paene ad unum exemplar. Dieser ältere Polyclet aus Sikyon steht am Anfange der zur Vollendung eilenden Kunst, Vorangehend dem Myron und Pythagoras; der Argiver, aus der Schule des Agelades, hat Wun- derwerke vollendeter Verhältnisse und schönster Mannigfaltigkeit geschaffen. Er überwand an Iiunst und Schönheit die toreutischen Arbeiten des Phidias, denn Plinius sagt: hie consumnsse hanc scientiam judicatur, et toreuticen sie erudisse, ut Phidias aperuisse. Doch meint Plinius immer nur Einen Polyclet, und Andere folgten ihm nach, ohne zu bedenken, dass es nicht möglich sei, alle Stu- fen von der Einförmigheit steifer Stellungen bis zu jener uner- reichbaren Musterhaftigkeit zu durchlaufen, welche dem jüngeren Pol clet den Ruhm bereitete, die schönsten Verhältnisse und das höchste Ebenmaass in seine Bildsäulen gebracht, und durch Lehre und Beispiel die vollendete Kunst auf ihrer Höhe befestiget zu ha- ben. Polyclefs, des Argivers, Lanzenträger wurde ein Canon der Proportionen des menschlichen Iiörpers, welchen die Künstler stu. dirten. Idem, sagt Plinius, et Doryphorum fecit, quexn canuna artifices vocant, lineamenta artis ex eo petentes, velut a lege qua- dam. Auf der anderen Seite behauptet Phnius aber wieder, dass Polyclet an Eurythmie, und am Numerus der Bildsäulen von Myron übertroffen worden sei. Primus hic (lVIyron) multiplicasse varieta- texn videtur, numerosior in arte quam Polycletus et in symmetria diligentior, sagt Plinius; es ist aber mit dem vorigen nicht zusam- menzureimen, wenn wir mit Thiersch nicht annehmen, dass die- ses nur auf den älteren Polyclet Passt, der von Myron übertroffen werden konnte. Alles dieses berichtet aber Plinius von einem ein- zigen Polyclet, und hat so offenbar in bunter Verwirrung durch- einandergestellt, was er von den Polycleten geurtheilt, getadelt und gelobt fand. Wie wäre es möglich, dass der Eine und der- selbe im Zeitalter des Darius unter den Alten auftrete, im Zeital- ter des peloponnesischen Krieges nach Phiclias noch wirke; dies mit einer Vollkommellhßlt. dass seine 1m Canon dargestellten Ver- hältnisse den Spüteren als Gesetz dienen? Und wie kann dann dieser, der die schönste aller Bildsiiulen macht, von einem Anderen an Eurythmie und Symmetrie übertroffen werden? Bann ein Werk zugleich symmetrisch vollkommen und symmetrisch unvollkommen scyn? Um aus diesem Labyrinthe chronologischer und technolo- gischer Widersprüche zu gelangen, hat Thiersch, durch Plinius selbst berechtiget, indem dieser einen sikyonischen Polycletus nennt, unter die getrennten Namen der beiden älteren Polyclete vertheilt, was nach Aussage der Urkunden über den gemeinsamen Namen von Varro, Strabo u. A. zwei Männern verschiedener Zeitalter angehört,