Pilgram , Anton. 305 volles Werk. das vielleicht eher vollendet werden ist. als die Kan- zel. Letzteren sieht man ungefähr in der Mitte des Schiffes an der linken Seitenwand, sich wie ein Bluincnkelcli aus einer Knospe von unten nach oben ausbreiteiirl. Dieser Chor, dem Passionschm- gerade gegcmiberstehend , trug vor Zeiten, wie jener, eine kleine .033]; seine Gallerie ist von Aussen mit leicht und zierlich ver- schlungenen Spitzbogen ohne Figuren geschmückt. Da wo der Chorfuss aus der Knospe hervortritt, sieht man ein durch Alter und Staub geschwiirztes hocherliobenes Brusthild eines alten Man- nes, der aus einer genau mit dem Bau des Chortusscs zusammen- hängenden feiisteri-ihiilichen Oeflnung heraussieht. Er liiilt in der rechten Hand einen Zirkel, in der linken ein Winkelmass. Seine buschigen langen Haare wallen über Stirne, Bücken und die Sei- ten des Hauptes herab, welches mit einem vorne aufgestiilpten Ba- rett bedeckt ist. Sein Hals ist unbeileckt, das Oberkleid hat weite faltige Aermel, das Unterkleid, eine Art VVcste, ist an der Brust init Scliniireu oder Riemen zusanimengeheftet. Das magere unbär- tige Gesicht hat ungemein siniiige, ausdrucksvolle, starke Ziige, tiefliegeiide Augen, hervorragende Backenknochen, eingefallene Wangen, einen breiten Mund mit aufgeworfenen Lippen, und ein sehr starkes liinn. Die Ursache, warum didses Denkmal friilier beinahe unbeachtet geblieben, ist theils das Unscheinhai-e und die Schwärze des Bildes, theils seine beträchtliche Entfernung es steht in einer Ilöhe von etwa zwei Iilaftern vom Boden und die Dunkelheit des Ortes, da es weit voiii Fenster, in einer Ecke der VVand angebracht ist. Erst 1816 wurde auf Veranlassung de: Kronprinzen Ludwig von Bayern, bei dessen Anwesenheit in Wien, eine Gypsform davon genommen, und ein Abguss in der k. k. Aka- demie der liiinste zu Wien aufgestellt. Jetzt fand man, dass in diesem Bildnisse eines der herrlichsten Denhmale der Iiunst des Mittelalters aufbewahrt sei, wiirilig den Meisterwerken jeder Zeit an die Seite gesetzt und als Muster der Nachahmung aufgestellt zu werden. Das Bild vereint die entschiedenste Kühnheit und Si- cherheit des Meissels mit einer lebensvollen Wahrheit und VViirde, wie sie nur der Meister über seine Schöpfung zu verbreiten ver- mag. Dicss könnte nun das Bild Pilgranfs seyn," der den Biss zum Orgelchore, den er hier, nach der Darstellungsweise jener Zeit, auf dein Bücken trägt, entworfen, und dessen Bau geleitet hat. Dass es ein Werkmeister ist, beweisen seine Werkzeuge, die er in den Händen hält. An dem Chorfusse befindet sich das Zeichen VI, welches auch an der Iianzel vorkommt, und unterhalb sind die von späterer Zeit erneuerten Buchstaben M. A- P-jbieister Anton Pilgrain). S. die Abbildung in Horinayi-G GESChlChiß von VVien, II. Jahrg. I. H. Das zweite Bildwerk im Innern der Kirche, dessen Anordnung man immer dem Pilgrain zuschrieb, ist die herrliche lianzel . Wel- che an einem der mittleren Pfeiler der Ünterkirche angebracht ist. Die aus Stein gehauene Brüstung, P1155 11m1 'l'l't'ppe dieses Mei- stcrwerkes, so wie das aus Holz geschnittene, vielleicht jüngere, Dach der Kanzel, von wundervoller Arbeit, sind von unten his oben mit: den schönsten, grossen und kleinen Figuren von Heiligen, mit Aesten und Zweigen geschmückt. Die Brüstung, oder die ei- gentliche Kanzel, enthält nach Ausscn vier mit durchbrochenem Zierwerk bedeckte Vertiefungen , aus welchen, wie aus Fenstern, die hoch erhabenen, fast lebensgrossen Brusthildcr der vier Kir- chenlehrer, jeder in dein ihin zukommenden Ornate und die Arme auf Bücher gestutzt, hervorschauen. Man erkennt darin den Meie Nüglcfs XI. Bd. 20