520 Dürer, Albrecht. ringerem Grade bei Dürer der Fall ist. In früherer Zeit war in Deutschland in Iiunstversuchen durchaus ein gewisser idealer Ty- pus vorherrschend, der sich schon im 13ten Jahrhundert ankündi- get, vornehmlich in den Miniatnrbildern der Handschriften deut- scher Gedichte, die sich bei aller Unbehiilflichkeit im Ausdruck bereits durch eine ganz eigenthiimliche Anmuth und Zartheit aus- zeichnen. Eigentliche Ausbildung empfing dieser Typus erst im ldten Jahr- hundert, mit dem Beginn des folgenden aber wurde die Richtung der deutschen Kunst immer phantastischer und das personifizirio Böse erscheint jetzt in eekelhaft hässlicher Gestalt, von dämoni- scher Leidenschaft gestachelt, und durch dieselbe zu Seltsam dis- harmonischen Formen ausgeprägt. Gemässigter als bei andern gleichzeitigen Meistern ist das plinn- tastische Wesen am Schlusse des lötenlahrhunderts bei den Nürn- berger Meistern. In ihrer Iiunst Waltet ein clerbcs treuesAnschlies- sen an die umgebende Natur; neben vielen Seltsauikeiten ein Hin- neigen zu cdlerer Schönheit, wie_aus den Werken gMäiftlll Schön. gauers ersichtlich wird. Dieses gilt anchnvornehmlich Yon VVohl- gemuth, der im Ausdrucke milder Naivetat, besonders müden Iiö. gen einiger weiblichen Irleiligen seinen grusscn Schuler ubertrifit. ueh zeigen sich noch immer abenthcuerliche Fratzen neben Anklängen von Würde und Schönheit und die phantastisch! Richtung ist überall vorherrschend. In der Schule von Cöln war im löten Jahrhundert an die Stelle der älteren idezilcren VVeise eine barocke Manier getreten, wie sie nirgend zu finden. Auchin Westphalen fand dieselbe Richtung Eingang und vornehmlich zei- gen die Werke des Jarenus von Soest neben mannigfachen anmu- thigeu und liebenswürdigen Motiven hnstige, dürre und scharfge- zeichnete Figuren. Die Befreundnng der Schönheit mit übertrie- bener Hässlichkeit und einem phantastischen WVesen in der Kunst hängt mit jenem satyrischen Humor zusammen, der von der Mitte des 15ten Jahrhunderts bis zum Ausgang des iöten fast in ganz Deutschland einheiniisch war, und der sich in Fastnachtspielen und in Schwänkcn mit gleicher Derbheit äussei-te. In diese Periode fällt auch die ldiirksainlseitDiireräi und auch er konnte dem allge- meinen Hang zum Phantastischcn nicht entsagen. In ihm aber stei- gerte sich das vorhandene Iiunstvermögen zur eigenthiimlichsten und einer möglichst gediegenen Vollendung. Er ist derliepriiscn- tant der Kunst jener Zeit geworden. Bei unerschöpflichcm Reich- thum des Geistes, war er im Besitz der seltensten Mittel und mit einer Auffassungsgabe aus_eriistet, welche das Leben bis in die feinsten Nuancen zu verfoilgen wusste. Dazu kommt noch ein leb- haftes Gefühl für das feierlich Erhabene, wie fiir die Aeusserungen naiver Anmuth und Gemiitlilichkeit, vor allem aber ein treuer ern- ster Sinn, verbunden mit dem strengsten Studium. Solche Vor- ziige mussten Dürer den ersten Künstlern der Welt an die Seite setzen, und es ist nur zu bedauern, dass wir in seinen Werken so selten befriediget werden, wenn wir das höchste Ziel derKunst, die Schönheit vor Augen haben. Seine Zeichnung ist voll Leben und Charakter, doch oft tritt uns ein befreindliches Nlotiv der Be- wegung entgegen, besonders bei Darstellung des Nackten. Seine Gewandung ist häufig von seltsamem Zuschnitt, der Faltenwurf ge- rade und scharfgebrochen, aber bei idealer Gewandung zeigt er Grosshcit, keineswegs jene Armuth des früheren Zeitalters, die mit der wunderlichen Manier in den Brüchen und Ecken aulTallend eontrastii-t. Dürer gefiel sich indessen in seiner Gewandung der