Carracci , Hannibal. 385 min Manieren auf eine tretfliche Weise in höherem Grade als ir- gend einer seiner Zeitgenossen. ln Rom erwarb also Annibale neben seinen übrigen Verdiensten auch jenes der reinen-Zeichnung, und die Schüler, welche ihm folgten und nach seinem Tode in dieser Stadt noch fortarbeiteten, zeichnen sich besonders dadurch vo'r denen, die in Bologna unter seines Vetters Ludwig Leitung blieben, aus. Ueberhaupt ist Anni- bale unter den Carracci in der Zeichnung am meisten für classisch ängesehen werden. VVenn man auf die Richtigkeit sieht, so diirfte Hannibal hierin selbst vor liafael den Vorzug behaupten. Denn man wird vielleicht mehr bei diesem, als bei jenem, einzelne Un- Yichtigkeiteix aufiinden können. Um so mehr aber übertrifft Rafael unsern liiinstler an Schönheit, Anmuth, Leben und Mannigfaltig- lieit des Charakters und überhaupt in der höhern und Positiven Vollkommenheit der Zeichnung. Dabei ist noch zu bemerken, dass Rafael nach lebendigem Ausdruck der Handlung strebte, und dem zufolge iifter veranlasst war, Bewegungen zu zeigen, die nur im Moment des Ucbcrgehens eines Zustandes des menschlichen Hör- pßrs in einen andern erscheinen und die daher nur durch Einbil- dungskraft und Beobachtung der Natur an den flüchtigen Momen- ten ihrer Veriintlerungen aufgefasst werden können. Aus diesem Grunde musste es dem Rafael weit schwerer seyn, in der Zeichnung immer vollkommene Richtigkeit zu beobachten, als dem Carracci, dem, weil er jenen Ausdruck der Handlung ungleich weniger be- absichtigte, das akademische" NIodell weit besser als jenem zum Vorbilde der Stellungen seiner Figuren dienen konnte. Die nackten Formen dieses Künstlers zeigen einen nach guten Mustern gebildeten, aber dabei einförmigeil Typits, der durch einen IP- abstrakten und gewissermassen conventionellen Charakter, mehr einen richtigen Canon der menschlichen Gestalt, als einen wahr- hafl: lebendigen BegrilT derselben gewährt. Bei gründlicher Kennt- mss der Anatomie und richtiger Andeutdng der Dduskelxi mangelt das feinere und gefällige Spiel ClßrS-Elhen, welches man in der Natur bemerkt und wodurch sich das inwohnende Leben vornehmlich zu. erkennen gibt. Carraccis' Styl Erillllßrt Wegen dieser Eigenschaft an den gewöhnlichen Charakter der antiken Statuen aus der römi- schen Zeit. Auch wegen seiner Grnssheit dürfte er nicht zu sehr gßprißsgn werden, wie (licses geschehen ist. Seine Figuren Zeigen Wohl grosse lWIassen und Ausdruck von Kraft, aber lteineswegs das Gepräge von Geisteshoheit, wie die Gestalten des Michel Angele Älml insbesondere die Propheten und Sibyllcn desselben. Auch opferte er wenig den Grazien, was man besonders in den weibli- chen Figuren vermisst. Hannibal kann eigentlich der Maler des Hauses Farnese genannt lielfdßn, denn hier hinterliess er mit Ludovico und Agostiilu und emlgen Sfrltiilern ein umfassendes Werk, welches wohl den hoch- Stellßegrill" von dem Iiunstverdienst der Carracci geben kann. Hier scbelnen Sie in der Frfindung sowohl, die grösstcutheils dem Ago- äfmo angehören soll, wie in der Ausführung das Edelstc und Beste 11"" Art erreicht zu haben. ÄIVCIHJ gleich die ganze Anordnung 21er Decke Clßr fixtinisehen Capelle nachgeahmt ist, so ist doch er Gedanke glucklich durchgeführt, und man findet weder die upedlell Flßuren, noch die willkiihrliehen, im Haschcn nach Ori- gvljlülllat erdachten Compusitionen, noch den Mangel an Gesammt- "lrlfnng der Nlassen, Fehler, die so häufig in ihren grossen Oel- äemilltlell Sllltrßn. Es fehlte auch nie an Lobpreisung dieser Wer- ev 11114 ßS 1st Wahr, man findet hier in manchem Bilde eine die- lvaglßr S luinsller-Lex, II. Bd. 25