250 Fünftes Buch. altchristlichen Styl gleichsam in kräftigen Umrissen skizzirte Grundgestalt weiter auszuführen und durchzubilden, war der dem romanischen und gothi- Ausbildung sehen Styl gemeinsame Kernpunkt. In der altchristlichen Basilika waren d" Basilika" die einzelnen Theile nur lose an einander gefügt. Das Gesetz antiker Form- bildung hemmte noch wie eine lästige Fessel die freiere Bewegung. Das Mittelalter begann dieselbe immer entschiedener abzustreifen, dem Inneren einen lcbendigeren Zusammenhang, eine wirkungsvolle WVechselbeziehung der Theile zu geben, anstatt der mehr mechanischen Nebenordnung eine 0 rga nis c h e Gli e d erung zu erzeugen. Das Princip der Horizontallinie, welches wie ein Alp auf dem architektonischen Gedanken lastete, wurde durch eine Reihe erfolgreicher Umgestaltungen beseitigt und mit dem ver- ticalen vertauscht. Auf diese Weise wurde ein wahrhaft organisch durch- gebildeter, aus aufsteigenden Gliedern gruppirter Innenbau geschaffen, Wölbung. dessen wichtigstes Element die consequent durchgeführte Wölbung war. Auch das Aeussere erhielt nun, dem Inneren entsprechend , eine lebendige Gruppirung und würdige Ausbildung. Schon die altchristliche Basilika zeigte in ihrer zweistöckigen Anlage den Beginn einer Gliederung verschie- denartiger Theile. Für die mittelalterliche Kirche trat nunmehr als neues, Thurmbau. bedeutsames Moment der Thurmbau hinzu , der erst jetzt in organische Verbindung mit dem übrigen Gebäude trat und dadurch auch äusserlich die aufsteigende Bewegung zum Abschluss brachte. Die ganze Baugeschichte des Mittelalters ist ein ununterbrophenes Ringen nach demselben Ziele. Schon der romanische Styl erreicht "von sei- nem Grundprincip aus eine Höhe und Vollendung des Systems, dass diese einzige architektonische That für eine Gesammtepoche als vollgültiges Ge- wicht in die Wagschale fallen würde. So rastlos ist aber das Mittelalter in seinem Ringen, dass es in einem völlig verschiedenen Styl, dem gothischen, auf ganz neue Weise noch einmal dieselbe Aufgabe einer überraschenden Lösung entgegenführt. Wir erkennen daraus eben auf's Klarste, wie der ganze Gedankengehalt jener Zeit in die Architektur sich ausströmte und in ihren Schöpfungen seine höchste künstlerische Verklärung fand. ZWEITES KAPITEL. Der romanische Styl Allgemeines. Verwirrung im 9. und 10. Jahrh. Wir deuteten schon an, dass der Zerfall des Karolingischen Reiches den Ausgangspunkt der mittelalterlichen Entwicklung bilde. Ehe jedoch das Culturleben der einzelnen Velker eine feste äussere Basis gewinnen konnte verging noch geraume Zelt. Innere Parteiungen und Empörungen