Eistes Kapitel. Charakter des Mittelalters. 249 Getrennten nur um so inniger, und über das Gewirr luftig und kühn auf- steigender Glieder und Theile legt sich vor Allem in imposanter einheitlicher Ruhe wie ein schirmendes Dach die Kirche. Zugleich aber weht durch all dies trotzige Ringen, dies starke selbstkräftige Streben ein Hauch fast weiblicher Milde und Weichheit, der zwar eben sowohl im Geiste des Christenthums wie im Wesen der germanischen Völker begründet liegt, besonders aber aus dem Gegensatze des Bewusstseins gegen die Natur und der dadurch hervorgerufenen Schwankungen des Inneren seine Erklärung erhält. Hiermit steht die Hochachtung des Mittelalters gegen die Frauen, und als höchster idealer Ausdruck derselben die Verehrung der gebenedeiten unter den Weibern, der Mariencultus, in inniger Verbindung. Je weniger das Mittelalter in seinen mannichfachen Lebensäusserungen Künstleri- zu einem befriedigenden , festen Abschluss gelangte, je spröder sich unter "im Smbem dem Kampfe der geschilderten Gegensätze die verschiedenen Elemente zu einander verhielten, um so bedeutsamer gestaltete sich das architektonische Schaffen. Dass eine Zeit wie jene, voll subjectiven Gefühls, aber auch Voll inneren Widerstreites, gerade in der Architektur am meisten Gelegen- heit fand, ihrem kühnen aber dunklen Ringen einen Ausdruck zu geben, liegt nahe. Eine gleich bedeutende Entfaltung der bildenden Künste wurde gehindert durch die Naturfeindlichkeit des Mittelalters , durch den Mangel an ruhiger Geschlossenheit des Charakters und freier Klarheit des indivi- duellen Bewusstseins. Alle diese Bedingungen, welche den bildenden Künsten nur ein streng von der Architektur bedingtes Leben gestatteten, erwiesen sich dagegen für diese nur förderlich. Frei und unabhängig von Vorwiegender den Gesetzen der organischen Naturgebilde wandelt sie ihren eigenen Weg Archltekm" nach eigenen Gesetzen und ist am meisten dazu angethan , dem dunklen, in's Allgemeine hinausstrebenden Drange ganzer Zeiten in mächtig ergrei- fender Weise zu genügen. In dem rastlosen Ringen des Mittelalters liegt nun aber der Grund, warum seine Architektur einen so weiten Entwick- lungsraum durchmisst. Sie geht, wie die ganze Cultur jener Zeit, von den Traditionen der römischen Kunst aus , wandelt dieselben in durchaus selb- ständiger Weise um und gelangt endlich, unter freier Aufnahme und Ver- arbeitung fremder Einwirkungen, zu dem grossartigsten System, welches die Baugeschichte kennt. Ihre beiden Style. der romanische und der ZwciStyle. go this c h e, folgen daher einander in der Zeit und schliessen sich gegen- seitig aus. während bei den Griechen der dorische und ionische Styl neben einander bestanden und nur die Eigenthümlichkeit der beiden Hauptstämme aussprachen. Dies Verhältniss beruht auf der verschiedenen Stellung der "Architektur. Denn im Mittelalter Wenden SlCll Verein (lig besten Kräfte der gesammten christlichen Völker zu, um die Lösung derselben Aufgabe je nach Vermögen zu fördern. Allerdings ist der Antheil der Ein- Zehen an der großen SChöPfung der Zeit ein wesentlich verschiedener. Die wichtigste Stellung gebührt in erster Linie Deutschland und Frankreich, in zweiter England. Italien tritt mehr zurück, auch Spanien ist minder bedeutend, und der skandinavische Norden schliesst sich theils Deutschland, theils England an. Das umfassende Bild ist demnach reich an individuellen Zügen. Die gemeinsame Grundlage jedoch, auf welcher alle jene Nationen in m Gemein- ihren architektonischen Bestrebungen stehen, bildet die Basilika. Ihre im Sam"