176 DECKENBILDER DIE IN DER SIXTINISCHEN KAPELLE. Arm {tützt fich zu gröfserer Bequemlichkeit auf die Stuhllehne, der andere hält noch das Buch. Das Bild des ftillen, in die innerfte Geiftes- welt verfunkenen Denkers wäre vollkommen, wenn nicht die Richtung des Kopfes und der Blick eine plötzliche Störung verriethen und eine Aenderung der Stimmung andeuteten. Die Reihe der Geftalten auf der linken Langfeite fchliefst die del- phifche Sibylle ab. (Fig. 56.) In einem Augenblicke glücklichfter In- fpiration gefchaffen, offenbart diefes Bild den Höhepunkt des Meifters in einem Kreife der Darfiellung, den er nur felten betrat. Kräftig {ind die Glieder und mächtig die Formen auch der delphifchen Sibylle, doch über- fchreiten {ie nicht das Maafs der weiblichen holdfeligen Natur. Sie ift mit einfach menfchlicher Schönheit gefchmückt, {ie ergreift nicht durch titanifche Gröfse und betäubt auch nicht durch ungewöhnliche Verhältniffe. Während der fie begleitende Genius im Buche der Zukunft eifrig lieft, "hat die kommende Zeit für die Sibylle bereits Körper und Leben gewonnen. Durch keine heftiger-e Bewegung äufsert {ich das Innewerden einer aufserordentlichen Erfcheinung. Der eine Arm ruht läffig im Schoofse, der andere, quer vor die Bruft gelegt, hält eine Rolle, welche aber völlig unbeachtet bleibt. 1m Kopfe allein fpiegelt {ich die Viflon, welche der "Prophetin geworden ift, wieder. Der Mund ift leife geöffnet, das ftrahlende Auge mächtig erweitert, als könnte die Sibylle einen Laut deriBewunderung nicht unterdrücken, als müfste {ie die ganze Offen- barung umfaffen. Wie alle anderen Sibyllen trägt auch die delphifche das Haar umhüllt; doch quillen unter dem dünnen Schleier Locken hervor, deren leichtes Wehen von der inneren Erregung Kunde giebt. Dem Jonas gegenüber auf der Eingangsfeite ift der Prophet Zacha- rias gemalt. Der Gegenfatz zwifchen den beiden Geftalten ift giewifs vom Künftler mit Abficht fo ftark betont worden. Während bei jonas alles Bewegung und Leidenfchaft ift und nach aufsen ftrebt, erfcheint der greife, langbärtige, kahlköpfige Zacharias als eine innerlich beruhigte und gefammelte Perfönlichkeit. Er blickt, den Kopf in ein fcharfes Profil gefiellt, in das Buch, in welchem er blättert, ohne irgend eine Spur der Erregung zu verrathen. Auch das baufchige Gewand, das den ganzen Körper verhüllt, contraftirt auffallend mit der Nacktheit des Jonas. Michelangelo forgte übrigens dafür, dafs das Auge nicht allein, wenn es die gegenüberfitzenden Geftalten betrachtet, an der Mannig- faltigkeit der Schilderung {ich freue, fondern dafs es auch bei benach- barten Figuren den Eindruck rhythmifchen Wechfels erfahre. Es folgt, der erfte auf der rechten Langfeite, auf Zacharias der Prophet ]o el. Er hält eine Bücherrolle vor {ich ausgefpannt, auf welche