196 Anatomie der Tragödie So in König Heinrich IV. Lady Mortimer, die Gemahlin Heinrich Percys, die ihren Heisssporn bei Nacht belauert, wie er im Traume sich kämpfend abarbeitet, dass ihm der Schweiss von der Stirne rinnt und sein Gesicht aussieht wie das eines Mannes, der im heftigsten Rennen plötzlich den Athem anhält. Wenn wir uns den Eindruck vergegenwärtigen, den das Leiden der Hauptperson auf diese ihr zunächst Stehenden macht, so kann unsere Theilnahme für sie selbst dadurch nur gesteigert werden. Diese Uebereinstimmung des Verhältnisses, in welches sich unser Gefühl zu den gemeinsam Betroffenen setzt, kann so weit gehen, dass sie abwechselnd in den verschiedenen Theilen des Stückes als Haupt- person erscheinen. So beschäftigt uns in Euripides' lphigenie in Aulis zuerst nur Agamemnon, der sich mit Widerstreben entschliesst, seine Tochter zu opfern, nachher mehr diese selbst. In der Regel ist aber doch Eine Hauptperson ununterbrochen Hauptträger des Interesses. Namentlich treten, wenn ein zerstörtes Liebesglück den Mittelpunkt. einer Geschichte bildet, beide Betheiligte fast gleich sehr in den Vordergrund; aber gerade die Liebe selbst wird man doch vorzugs- weise mit dem einen Theil für den andern empfinden. Der erste ist dann die Hauptperson "und als solche ein gemischter Charakter. Dem gegenüber kann der andere Theil, welcher uns mehr nur als Gegen- stand der Empfindung des ersten gegenübertritt, schon etwas eigen- thümlicher charakterisirt und dadurch im engeren Sinne liebens- würdiger erscheinen, weil sich ja gerade an die Eigenthümlichkeiten des Charakters die Liebe anheftet. S0 ist Clavigo der tragische Hauptcharakter, gemischt aus rücksichtsloser Selbstüberhebung und feiner Empfänglichkeit für die reinste Neigung und den Schmerz über die Verllüchtigung derselben, Maria dagegen nur nach der letzteren Seite ihm gleich und dadurch mit ihm unglücklich. Auf der andern Seite sind den aus offenem Gefühl und unnah- barer Energie gleich gemischten Hauptpersonen auch solche neben- geordnet, welche nur die letztere rein darstellen, nicht sowohl mit ihnen empfinden, als ihr Thun bestimmen. In ihnen entwickelt sich mit harter Consequenz die verhängnissvolle Energie der Leidenschaft. Mit überlegener Klarheit und Bestimmtheit drängen sie zur Geltend- machung derselben ohne alle Scheu vor weicheren menschlichen Regungen, für die sie wenig Sinn und Verstand zeigen. Sie stehen