Kunst der Mimik. 183 in einem Zustande, den sie vorher angenommen haben, und so bleibt uns auch das, was vorhergegangen ist, gegenwärtig. Die Anforderung, der Inhalt des einen Moments absorbirt und erfüllt nicht den ganzen Menschen, macht auch die Situation, in der er sich befindet, nicht von Grund aus neu. Und so bleibt auch seine Haltung, abgesehen von einer einzelnen, momentan neuen Wendung, in ihrem bereits angenommenen Stande oder Wesen. Sie erhält uns seinen bleibenden Charakter und die ganze Situation und innere Verfassung, in der er sich befindet, ununterbrochen gegenwärtig. So wird nun hier dasselbe, nur viel vollkommener erreicht, was Lessing als die äusserste mög- liche Andeutung des Transitorischen in der bildenden Kunst durch die Wahl des nfruehtbaren Momentes" für zulässig hielt, und was in der modernen Malerei im Gegensatze zur antiken Plastik auch er- reicht wird. Wenn wir aber da aus dem Bilde eines dargestellten Momentes nur durch Ueberlegung auf frühere und spätere schliessen können, so haben wir dies nicht nöthig, wenn wir gesehen haben, was vorhergegangen ist, und uns nun leicht (laran erinnern, weil wir die bleibende Spur davon in der dadurch noch fortbedingten Haltung der Person vor Augen behalten. Alles, was in der sichtbaren Erscheinung des Schauspielers durch das ganze Stück unverändert bleibt, die "Maske", wie es die tech- nische Sprache des Theaters bezeichnend nennt, repräsentirt, kann man sagen, den bleibenden Charakter der dargestellten Person; jede Geberde dagegen, die augenblicklich dazu kommt, den Effect einer auf die Person einwirkenden Situation, ihr Benehmen in derselben. Das Bleibende muss demnach in der Komödie vorwiegen, die Be- wegung in der Tragödie, weil in jener die Durchführung des Charakters, in dieser der Fortschritt der Verwickelung es ist, worauf sich die Wirkung der Dichtung gründet. Wenn aber im Verlaufe der Handlung die einzelnen Geberden, die momentan auftreten und Wieder verschwinden, in der Art ihre Spuren zurücklassen, dass da- durch auch der beständige Habitus der Person allmäihlich umgestaltet wird, so verkörpert sich hierin die Wirkung von Handlung und Schicksal auf den ganzen Menschen, welche ihn von Stufe zu Stufe des Leidens oder der Befriedigung führt und damit zuletzt auch dem Charakter nach umbildct, wie dies im modernen Drama zur Geltung gebracht wird. Der Mensch ist nicht einfür allemal fertig, schön