174 Arten Zwei V01] Stil Also haben wir hier offenbar ein Paar extreme Beispiele von diesem Stil vor uns gehabt, in denen er etwas Bestimmtes zur Dar- stellung bringt, das eine Mal mit einer sehr richtigen, das andere Mal mit einer sehr verfehlten Wirkung. Die breitere Anwendung desselben aber, auch bei Rossi, und noch vielmehr bei den unzähligen unbedeutenderen Mimen, welche derselben Richtung folgen, beruht darauf, dass, wenn man alle seine Gliedmassen so oft und viel im Spiel zur Anwendung bringen will, überhaupt nicht immer etwas da sein kann, was dadurch ausgedrückt werden soll. Es werden dann eben Bewegungen und Stellungen nur um ihrer selbst willen gemacht, die sich ganz schön ansehen können, aber sonst weiter keinen Zweck haben. Die Folge ist, dass sich auch die Glieder dazu nicht unnöthig anstrengen. Sie haben kein bestimmtes Ziel zu erreichen, sondern sich nur gegenseitig in ein gefalliges Gleichgewicht zu setzen. Das giebt ihnen dann hübsch massvolle Biegungen, der ganzen Gestalt einen ge- fälligen Umriss, dem ganzen Auftreten eine anständige Haltung; aber es kann nicht ausbleiben, dass es auch ziemlich monoton und nichtssagend wird. Mit dieser Eigenthümlichkeit in der Art der Bewegung pflegt eine zweite regelmässig Hand in Hand zu gehen, die sich auf den zeit- liehen Verlauf derselben bezieht. Gleichmässig wie sich die Be- wegung im Raume auf die verschiedenen Glieder des Körpers ver- theilt, ist sie auch in der Zeit ausgebreitet, so dass der Verlauf der Biegungen und Verschiebungen, welche sie den Contouren des Körpers giebt, mit einer gewissen malerischen Breite sich so vor dem Auge vollzieht, so dass es ihren Wandlungen folgen kann. Dies geschieht freilich bald in einem schnelleren, bald in einem langsameren Tempo, je nach der Heftigkeit oder Gemessenheit der augenblicklichen Action, aber immer mit einer gewissen Beständigkeit, so dass die Zeit der Handlung von dem Verlaufe der Bewegungen, welche sie begleiten, ausgefüllt wird. Rossi im letzten Acte des Hamlet, als es zum Sterben ging, sprang noch so unermüdlich auf dem durch den Tod des schand- lichen Oheims schon erledigten Throne herum, indem er mit Händen und Füssen, bald rechts, bald links ausholend oder vordringend aus einer in die andere kühne Fechterstellung überging, als galte es mit einem letzten Aufwande von Gewandtheit und Energie vor dem Tode noch zu zeigen, was er im Leben hätte leisten können, und so ging der schwerrnüthige Prinz am Schlusse der Tragödie ab, wie ein Kunst-