160 Michelangelo an der Decke Seite gelassen ; V O I1 all dem, was uns das Leben theuer macht, kommt in seinen Werken wenig vor". Fassen wir zum Schluss Alles zusammen, was in diesen Bildern an uns vorübergegangen ist, und fragen wir, wie es als Ganzes wirken muss und wie es in den grösseren Zusammenhang passt, in den es eingefügt und in dem es zum Ganzen zu wirken bestimmt ist. Die vielen einzelnen Menschen an den Zwickeln des Gewölbes stellen, wie wir gesehen haben, den Menschen auf den verschiedensten Stufen geistiger Cultur, also auch mit den verschiedensten Befähigungen zur Theilnahme am kirchlichen und überhaupt am religiösen Leben dar, vom gedankenlosesten Dabeisein, bis zur selbständigsten Erfassung des tiefen Sinnes, und dies entspricht ganz der Art, wie in der katholi- schen Kirche Jeder an seiner Stelle und nach seiner Fähigkeit an denselben Mysterien des Cultus Theil nehmen kann und soll. Die Gruppenbilder des Familienlebens in den Fensternischen stellen die Menschheit oder die Gemeine mehr in ihrem beständigen, natürlichen Zusammenleben dar. In diesem ihrem gewöhnlichen Verbande und alltäglichen Leben können wir sie uns zwar nicht direct wie in der Kirche und beim Cultus zugegen denken; aber sie bilden doch den breiten Hintergrund des Volkes, oder des gesammten Menschenlebens. Und so repräsentirt das Ganze die Menschheit überhaupt, wie sie mit ihren mancherlei Gaben und in ihrem ganzen Verbande zu dem Heil, das von oben kommt, bereit und berufen ist, aus sich allein aber nicht zur vollen Befriedigung gelangen kann. Der Mensch und die Menschheit sind nach kirchlicher Lehre das Object der Heilsanstalten, das Subject der Bedürftigkeit nach dem Heil von oben, das die Kirche von Gott berufen ist, ihnen zu vermitteln, und als solche stellen sie sich also ganz passend da dar, wo die Kirche sich selbst als Organ dieses Heils der Welt darstellt. Die katholische Kirche feiert hier die Grösse ihres Berufes, des Segens, der von ihr auf die Welt ausgehen soll. Sie thut es in lebendiger Cultushandlung durch ihren höchsten Clerus, und dies ist die Bestimmung der Sixtinischen Kapelle. Der Schmuck ihrer Wände aber soll dazu dienen, diesen Eindruck zu verstärken. Demgemäss stellen die Bilder an Decken und Wänden die grossen Thaten Gottes zum Heile der Menschen dar, hoch oben an der Decke von Michel- angelo die Schöpfungsgeschichte und einige Hauptgeschichten von