Vergleich mit der Antike. 95 Action aller Glieder ist es nun, was uns die Stellungen der Figuren von Michelangelo zur Anschauung bringen. Da strebt nicht Alles zu einem Ziele, da ist die Beseelung der Muskeln nicht überall gegen- wärtig, sondern sie sind zum Theil ganz unthätig, lassen die Glieder, statt ihnen eine bestimmte Haltung zu ertheilen, schlaff in ihren Ge- lenken hängen, oder auf irgend einer Unterlage ruhen, und nur hier oder da ist der eine oder andere Theil durch einen vereinzelten Zug einiger Muskeln in Folge ebenso vereinzelter Willensacte hier oder dahin gebogen. Die Seele, der Wille hat sich gleichsam von dem Körper zurückgezogen, oder sich der Herrschaft über seine Haltung noch nicht allgemein bemächtigt, sondern lässt nur nach Laune dieses oder jenes Glied aufstehen und zeigen, dass doch Leben darin ist, während die anderen wie ein Geräth, das man nicht braucht, sich selbst überlassen herumhängen oder -liegen. Wie Faust beim Anblick seines alten Urvaterhausrathes den Eindruck hat: ,Was man nicht nützt, ist eine schwere Last", scheint es uns, trzigen diese Menschen des Michelangelo an ihren enen Leibern nur einen Ballast mit sich herum. Je mächtiger 1 die Muskeln auf diesen Schultern und Schenkeln häufen und auf so, schei eigenen sich die einen grossen KraftVorrath schliessen lassen, je mehr haben wir den Eindruck einer Masse, die zu nichts nütze ist, weil die Seele sie nicht mit Lust verwendet , sich also auch nicht wohl und wie ihreln eigenen Leibe zu Hause darin fühlt. Verlohnt es sich wohl, dies dar- zustellen und anzusehen, so fragen wir nochmals; denn von dem schönen Bilde des frischen blühenden Lebens, das uns die eWig jungen Griechen zeigten, ist es freilich das gerade Gegentheil, statt des durchgeistigten Leibes eine halbe Leiche, die nur hier und da ein Zeichen giebt, dass noch eine Seele in ihr Wohnt. Und doch ist auch dies ein Gegenstand, der ein eigenes hohes Interesse erregen kann und muss, auch nach der Antike noch eine eigene neue, berechtigte, (lurßh Wahrheit grosse That der Kunst sein kann, so gut Wie die Erschütterung der Tragödie ein total neues, nicht minder bedeutendes Werk der Poesie ist nach der unbefangenen Freude am Homer. Um dies zu erkennen, müssen wir uns nur klar machen, was für besondere geistige Zustände, Stimmungen können es sein, welche in dieser Zerstreuung der Herrschaft über den Körper ihren natür- lichen und darum sprechenden Ausdruck Enden, und wir können dies