DIE REDEKUNST. 253 ankündige und statt dessen ein Spiel der Einbildungskraft gebe. Der Redner kann ein solches blosses Spiel treiben; allein wenn er Wahres wahrhaftig vorträgt, so hört die Rede darum doch nicht auf, ein Kunstwerk zu Sein; Kant meinte, die Rede müsse, um ein Kunst- werk zu sein, durch den schönen Schein den Hörer hintergehen, während die Rede doch nur für die ästhetische Beurteilung notwendig "Schein" bezw. blosse Erscheinung ist. Er unterscheidet von der Beredsamkeit die „Wohlredenheit (Eleganz und Stil)"; aber diese Einteilung ist nicht haltbar, aus demselben Grunde. I) Man muss vielmehr von der Beurteilung einer Rede aus dem praktischen Gesichtspunkt die ästhetische Beurteilung unterscheiden, obgleich der praktische Zweck die dem Kunstwerk zugrunde liegende Vorstellung ist. Dies äussert sich darin, dass die Rede sofort als in- teressiert erscheint, sobald etwas lügnerisches an ihr ersichtlich wird: die Lüge ist auch hier unästhetisch. Damit ist aber bewiesen, dass nicht die Redekunst an sich verwerflich sein kann, sondern eben nur ihr Missbrauch. Freilich werden wir verhältnismässig selten in der Lage sein, aus der Rede selber eine Tlntstellung der Thatsachen zu erkennen, und dann wird thatsächlich das ästhetische Urteil mit dem rein praktischen, nichtsittlichen, zusammentreffen. Aber dafür kann man die Kunst nicht verantwortlich machen. Lehrt man sie ästhetisch, so wird die ganze Lehre von jenen schlechten Kunstgriffen wegfallen, weil dieselben ästhetisch gänzlich bedeutungslos sind, während sie in der praktischen Lehre die grösste Rolle spielen müssen, sei es auch nur, um sie bekämpfen zu lernen. S0 liegt das Verhältnis von ästhe- tischer und thatsächlicher Zweckmässigkeit in der Redekunst. Bei uns in Deutschland pflegt es durchschnittlich den Rednern nicht zu ge- lingen, durch Schönrednerei den wahren Sachverhalt zu verschleiern und die Hörer zu falschen Urteilen und Entschliessungen hinzureissen; wenn es einmal geschehen sollte, so wird diese Verquickung vom Scheine der Kunst mit der Wirklichkeit ein Anzeichen des Niedergangs der Nation sein, wie sie es bei Griechen und Römern gewesen ist. Vergl. K a n t , ästh. Urteilskraft" S8