DRAMA UND DICHTKUNST. 137 Zug der Zeit entsprechend, gewöhnlich eine historische Handlung ge- wählt. Infolgedessen unterscheidet sich die Epopöe von dem Drama nur durch die besonderen Eigenschaften der Materie, in welcher der Künstler gestaltend thätig ist. Das szenische Material ersetzt der Roman sogut wie das Epos durch Beschreibung (unter Beobachtung des Lessing'schen Gesetzes), während die technischen Schranken _des für die Bühne zwingenden Materials wegfallen, insbes. zu Gunsten einer umfangreicheren Gestaltung und mancher poetischer Abschwei- fungen, sowie der Beschreibung der im Drama (gleichwie im Leben) meist nur in ihren Resultaten erkennbaren subjektiven Motivierung. Das Verhältnis zwischen Epopöe und Drama ist in Aristoteles Poetik I) aufs klarste dargelegt, und es ist beinahe überflüssig, mehr darüber zu sagen. Man hat auf der Grenzscheide zwischen Drama und Dichtkunst eine Kunstart angenommen, welche mit dem Namen "Litteraturdrama" oder "Buchdrama" bezeichnet wurde. Man könnte sich hierfür ein besonderes Stilgesetz etwa daraus konstruieren, dass im "Buchdrama." manches erzählt würde, was im Drama durch Handlung erscheint. Allein damit kämen wir eben wieder in's Bereich des Epos. Um eine berechtigte Gattung handelt es sich also hier wirklich nicht. Shake- speare hat in seinen NVerken dem spezifisch Dichterischen den breite- sten Raum gegönnt; er hat die poetische Phantasie in einer Weise_ uralten lassen, welche niemals übertroffen worden ist. jener Begriff scheint mir deshalb nur dazu erfunden zu sein, um Dramen unterzu- bringen, welche gewisse dramatische Hauptmängel haben, z. B. den- jenigen, dass sie statt Handlung „ethische Tiraden und Gedanken" wie Aristoteles sich ausdrücktz) oder eine „schöne Sprache" auf die Bühne bringen. Es ist offensichtlich, dass eine solche Auf- fassung nur aus einer Verkennung des eigentlichen Gegenstands des Dramas hervorgehen kann. Hier handelt es sich eben um Gedichte, welche die Form eines fortgesetzten Dialogs haben und welche viel- leicht als solche gewürdigt werden können, aber jedenfalls nicht iDra- men sind. NVenn die Stilisierung eines Bildes fortgesteigert werden kann bis zu dessen Vernichtung, so ist diese Negation doch unstreitig nicht der Gegenstand desselben. Also wird auch die Verwendung der dichte- rischen Sprache im Drama eine gewisse Grenze haben. Nähme man an, däSS der Grad der StiliSiCrung aus der realistischeren oder idea- xvn, xxm; XXIV; VI, 12.