abhängig zu sein scheint, verrät sich deutlich die künstlerische Üeberlegenheit, die Thorvaldsen dem Rate Winckelmanns verdankt. Sie beruht auf dem eminenten Kunstwert des griechischen Götter- und Heroenmythos, welchen dieser historisch erkannt und als das Grundgesetz der Antike den neuern Künstlern zur Nachahmung empfohlen hatte. Beide Bildwerke, Michelangelos Adam und das antike Reliefbild der Sophrosyne, behandeln den gleichen Gegen- stand, die Erschaffung und Beseelung des Menschen; auch die psychischen Gaben, die der Mensch von der Gottheit empfängt, sind hier wie dort dieselben: Vernunft und Wille. Aber involler künstlerischer Klarheit und Anschaulichkeit tritt der Gegensatz der beiderseitigen Gaben hervor in den mythischen Gestalten der Geber, der Pallas Athena als der siegreichen olympischen Gottheit, und des Prometheus als des letzten Vertreters der titanischen Naturgewalt, welche der vernünftigen Herrschaft des Zeus wider- standen hatte. Michelangelo hingegen drückt den ganzen Vorgang der Beseelung bloß symbolisch aus, das beseelende und das beseelte Auge bedeuten das Auge des Geistes, das Denken und Erkennen, die Hand des Schöpfers wie des Geschöpfes die geistige Thatigkeit des Wollens und Handelns, und dieselben seelischen Anlagen, die hier symbolisch durch Auge und Hand, werden an den Grabdenk- niälern der Mediceer sogar allegorisch durch die Tageszeiten be- zeichnet. Was Michelangelo nur mit symbolischen und allegorischen Mitteln zur Darstellung brachte, übersetzt schon das antike Relief- bild in dialogische Bewegung und Handlung zwischen den beiden mythischen Personen und verleiht dadurch dem Vorgang der Be- seelung dramatisches Leben, und Thorvaldsen zeigt in der Kopf- bewegung des beseelten Menschen auch die Wirkung, die voll- endete That. Den Vorzug künstlerischer Anschaulichkeit und Lebendigkeit, den die mythische Darstellung im antiken Reliefbild der Sophro- Syne Vergebildet hatte, benützt Thorvaldsen in seinem Relieicyklus der Vier Kardinaltugenden, Welcher das Portal der Christiansborg in Kopenhagen schmückt. Er teilt die vier Bilder in zwei Paare, Wovon das erste dem Göttermythos, das zweite dem Heroenmythos angehört. Der Ausgangspunkt dieser cyklischen Komposition ist jenes antike Relief von der Beseelung des Menschen; es bedeutet