umgestalteten, als göttliche YVahrheit geglaubt. So kehrten die Mythen, aus dem Volksgeiste geboren und kunstvoll durch die Dichter wiedergeboren, zum Volke zurück, die Dichtkunst wurde bei den Griechen volkstümlich, und die Volkssage kunstvoll ver- edelt. Sogar die griechische Philosophie knüpfte ihre Begriffe von den einheitlichen Grundlagen der mannigfaltigen und wandelbaren Erscheinungswelt an die mythischen Vorstellungen von Okeanos und Thetis, und wenn Platon und Aristoteles in ihren Schriften von den Theologen reden, so verstehen sie unter ihnen Homer und Hesiod und deren Ausgestaltung der Göttersagen. Ein genialer Denker wie Platon liebte es, den nationalen Spuren der Dichtung zu folgen und seine philosophischen Anschauungen in mythische Gebilde zu kleiden, die bisweilen, wenn sie auch noch in später Zeit als Märchen im Munde des Volkes fortlebten, doch die Spuren ihres philosophischen Ursprungs nicht bis zur Unkenntlichkeit verwischt hatten. So weit sich auch der Schatz der griechischen Mythen verbreitete, schon im Altertum bei den Römern, in der Neuzeit bei den romanisch-germanischen Völkern, ist ihr geist- voller Gehalt verstanden und gewürdigt, das Gemeingut aller Kultur- völker geworden. Als daher die neuern Künstler Winckelmanns Aufruf zur „Nachahmung der griechischen Werke" vernahmen, bot ihnen der Reichtum poetisch und philosophisch durchgebildeter und bereits im Altertum künstlerisch vorgebildeter Mythen einen willkommenen Stoff dar zur Ausprägung ihrer eigenen Gedanken. Der erste, der dem Rufe Winckelmanns folgte, war der Süd- oder Deutschdäne Asmus Carstens, der eigentliche Gründer der neuern deutschen Renaissancekunst aber war der Norddäne oder Isländer Bertel Thorvaldsen. Rom war für ihn, wie für seinen Führer, Wvinckelmann selbst, und für seine Nachfolger, Cornelius und Kaulbach, die hohe Schule der künstlerischen Bildung. Wann ich geboren bin, piiegte er zu sagen, weiß ich nicht, aber wann ich nach Rom kam, weiß ich auf Jahr und Tag und Stunden Ebenso hatte Winckelmann seine Lebensjahre von seiner Ankunft in Rom angefangen zu zählen und sich dabei mit dem römischen Konsul M. Plautius verglichen, der, nachdem er die Illyrier besiegt und in Rom seinen Triumph gefeiert hatte, neun Jahre nachher auf seinen bei Tivoli gefundenen Grabstein die einfachen Worte