128 brandt überhaupt liebt. Nur eben sahe ich ein neues Bild von Hofmann in Dresden, Christus vom Schiffe aus dem Volke predi- gend, ein in gewissem Sinne reizend schönes Bild; aber ich sahe eben nur Christus, der einer reizend schönen, reizend gruppirten Versammlung aus der Kunstwelt predigt, nicht Christus, der einem Volke predigt. Von Rembrandt hätte ich nicht jenen, aber diesen gesehen. Auch im Felde des Porträts wird man sich vor Exclusivität zu hüten haben. Ein in unserem jetzigen Sinne idealisirtes Porträt ist ein geschmeicheltes. Nun lässt sich zwar der Mensch im Porträt wie in der Rede gern schmeicheln, aber die Schmeichelei gefällt eben nur dem Geschmeichelten; jeder Andre zieht das wahre Por- trat vor. Es giebt Porträts alter Meister mit rother Nase, klum- pigen Gesichtszügen, verschwommenen Augen, die uns doch besser gefallen, die wir kunstmässig schöner finden, als die geschmei- cheltsten und einschrneichelndsten Porträts so mancher neuen Künstler. Vor Kurzem lag mir eine Sammlung von Photographieen nach Porträts der literarisch berühmten deutschen Frauen neuer Zeit vor. Bei den meisten fühlte man heraus, die Porträts seien ge- schmeiohelt, und blätterte mit einer Art störenden Misstrauens das ganze Werk durch. Dennoch kann auch bei Darstellung realer Persönlichkeiten eine Idealisirung bis zu gewissen Gränzen im Rechte sein, wenn nämlich die Darstellung eine monumentale sein soll, indem Monu- mente gewisserrnassen zugleich Apotheosen sind, und es einen ge- rechtfertigten Zweck haben kann, einen grossen Mann nur nach der Seite seines Wesens, die ihm das Monument verdient hat, für die Nachwelt zur charakteristischen Darstellung zu bringen. Hier mö- gen Züge in dieser Richtung stärker hervorgehoben, widerstrebende mehr gemildert werden, als es sich mit einer ganz naturwahren Charakteristik überhauptverträgt. Mancher Wohlthäter der Mensch- heit ist doch der Sinnlichkeit mehr als billig ergeben gewesen; die Erinnerung hieran in seinem Antlitze aufzubehalten, kann seinem Andenken und der Wirkung dieses Andenkens nicht frommen. Nur muss man sich nicht verhehlen, dass, indem man mit monu- mentalen Darstellungen vielmehr eine Idee, die in dem Menschen ihre Vertretung gefunden hat, als den Menschen selbst darstellt oder zwischen jener Darstellung und seiner individuell zutreffen- den Darstellung schwankt, die Kraft des Eindrucks, der an der