408 kann man freilich aus einem gewissen Gesichtspuncle alles Uebel, alle llässlichkeit, alle Schwachheit in der Welt einer Störung ihres YVesens, einem Zurückblciben hinter ihrer ldee beimessen; und hiedurch eben htingt diese Auffassung mit der vorigen zusammen und kann sogar einfach damit zusammenzufallen scheinen; Grund genug, dass sie sich so häufig damit verwirrt. Aber von andrer Seite lasst sich auch das Dasein des Uebels, der lltisslichkeit und jeder Unvollkommenheit in der Welt, sei es wegen metaphysischer Nothwendigkeit, sei es wegen einmal geschehenen Abfalls der Welt von Gott, worüber es hier nicht nöthig ist zu streiten, selbst zum wesentlichen Bestande der Welt rechnen. Und möchte man auch einen abstrusen Streit darüber anfangen , ob zum ursprünglichen wahren, letzten Wesen, so kann jedenfalls die Kunst nicht auf der Voraussetzung seines Wegfalls fussen , und hat sich zu hüten, die unvollkommenc Welt vollkommener darzustellen, als in ihrer Mög- lichkeit liegt zu sein. Nicht den tauschenden Schein zu erwecken, als ob das Uebel fehle, ist ihre Aufgabe, noch würde eine solche derWelt frommen; vielmehr soll die Rolle, welche das Böse in der YVelt spielt, nicht minder als die Rolle des Guten durch die Kunst in ein helleres, klareres, reineres, höheres Licht gestellt werden, als in der Wirklichkeit darauf fällt, wozu gehört, dass der Nachtheil, in dem es schliesslich gegen das Gute bleibt und bleiben soll, sicht- bar werde, dass es das Gute durch seinen Gegensatz dagegen selbst hebe, dass es von ihm überwunden werde oder sich durch seine Folgen selbst zerstöre. Denn diess ist im Ganzen der Sinn, dieTen- denz einer guten Weltordnung, und nur an der Erfüllung dieser Ten- denz oder Aussicht ihrer Erfüllung vermögen wir uns zu erbauen. Aber dazu muss das Böse doch als Böses erscheinen. Was vom moralischen Uebel gilt, gilvvom Schmerze und jeder Unvollkom- menheit. Uebcrall kann man dem Künstler verwehren, dergleichen darzustellen, falls nicht ein historisches Interesse dazu antreibt, es nach seiner vollen Wahrheit darzustellen, oder falls er es nicht aus versöhnenden, aus lustvoll interessirenden oder heilsam erschüt- ternden Gesichtspuncten darzustellen vermag; "an sich selbst ist es gar kein Gegenstand künstlerischer Darstellung. In so weit es aber ein solcher ist, wird es auch in seiner wahren Rolle darzustellen sein. Diese allgemeinen Betrachtungen hindern jedenfalls, die Dar- stellung des [lebels überhaupt aus der Kunst zu verbannen, und