86 son könnte auch ein liederliches Gewand besser passen und würde dann vorzuziehen sein. Es wäre erwünscht, wenn wir zwei kurze Bezeichnungen für die eine und andere Seite des Stils oder den Stil im einen und andern Sinne hätten, da doch beide verschiedenen Gesichtspuneten unterliegen, die sich nur unter dem sehr allgemeinen Gesichts- puncte möglichst vortheilhafter Verwendung der Darstellungsmittel vereinigen. In Ermangelung solcher bezeichnenden Ausdrücke dafür-unterscheiden wir beide als erste und zweite Seite des Stils und beschränken uns im Folgenden, beide in Bezug auf die bildende Kunst zu erläutern. Sprechen wir zuerst vom Stil nach seiner ersten Seite. Die Natur sorgt im Allgemeinen nicht dafür, uns die Gegen- stände unmittelbar unter den für ihre Auflassung günstigsten Ver- hältnisscn darzubieten, verdeckt nach Umständen die Hauptfigur durch die Nebenfiguren oder stellt sie gegen diese bei Seite oder zurück, stimmt den Eindruck der Farben, der Linien im Einzelnen nicht harmonisch mit dem Totaleindrucke, den das Ganze machen soll, und bemüht sich überhaupt um keine positiven Hülfsniittel, die Auffassung zu erleichtern, die Hauptstimmung zu unterstützen, bedarf freilich auch einer solchen Unterstützung nicht in gleichem Grade als die Kunst, da sie ihre Gegenstände nicht aus dem Zu- sammenhange mit der übrigen Welt herausreisst, sondern in zeit- licher und räumlicher Verbindung damit darbietet, die von selbst erläuternd und das Verständniss unterstützend zum Eindruck der Gegenstände hinzutritt. Was nun der Kunst in dieser Hinsicht von Vortheilen der Natur abgeht, muss sie durch den Stil nach seiner ersten Seite nicht nur ersetzen, sondern wo möglich überbieten. Zum Beispiel: die Hauptligur soll sich als Ilauptfigur geltend machen. Es giebt viele Mittel dazu, zwischen denen so zu wählen sein wird, dass der naturwahren Charakteristik und den andern Stilfoderuxigen noch möglichst genügt wird. Die Hauptfigur kann durch Stellung, lsolirung, Grösse, Farbe, Beleuchtung, vollendete Ausführung, auch wohl durch mehrere dieser Umstände zugleich bevorzugt sein. Irgendwie aber muss sie bevorzugt sein, sonst ist es ein Fehler gegen den Stil. Sie wird die vortheilhafteste Stellung in dieser Hinsicht behaupten, wenn sie sich in der Mitte des Ge- mäldes und über die andern Figuren erhöht oder vorragend dar- stellt. So sehen wir es z. B. in der Sixtiua und llolbeirüsehen Ma-