Abschluss zu dem, worin die Kunst die Natur zu überbieten hat, wobei man den Hintergedanken haben kann, dass auch in der Welt ausserhalb der Kunst Alles einem versöhnenden Abschlusse zugehe, den das Kunstwerk aber schon in sich selbst darbieten soll. Eine auf das Einzelne eines Kunstwerkes eingehende Analyse und Kritik hat zwei Seiten, sofern man dabei einmal zu fragen hat, was jeder Theil, jede Seite des Werkes durch eigene Wohlgefällig- keit oder Missfälligkeit zum ästhetischen Eindruck des Ganzen bei- trägt und was nach seinem Verhältnisse zu den übrigen Theilen, Seit-en oder als Theil, Seite des Ganzen; denn man würde sehr irren, wenn man meinte, dass der ästhetische Werth jedes Theils blos nach seinem Verhältnisse zu dem Uebrigen zu bemessen sei; vielmehr hat er auch eigenen Antheil an dem _ästhetischen Ein- druck des Ganzen; und so wird, alles Uebrige gleich gesetzt, ein Bild mit schönen Figuren oder schönem Colorit besser gefallen als mit minder schönen. Es kann aber die ästhetische Wirkung, die etwas für sich hervorbringt, mit der, die aus seinem Verhältniss zum Uebrigen hervorgeht, eben so wohl in Widerspruch als Einstim- mung stehen, und sollte eine schöne Einzelwirkung mit der Ge- sammtheit des Uebrigen in einem missfälligen Widerspruch stehen, so würde etwas Unversöhntes in der Totalwirkung übrig bleiben, indess an sich missfällige Einzelwirkungen sich recht wohl noch durch das Verhältniss zum Uebrigen in einer wohlgefälligen To- talwirkung versöhnen können. Nun ist es überhaupt nicht wohl möglich, alle einzelnen Be- dingungen der Wohlgefälligkeit für sich zum Maximum zu steigern ohne mit andern in demselben Werke in Conflict oder Widerspruch zu gerathen, wie z. B. der grösstmögliche Reiz des Colorits, die grösstmögliche Idealität der Formen sich selten mit der Wahrheit der Charakteristik verträgt und die Federung grösstmöglicher Deutlichkeit einheitlicher Verknüpfung mit der Federung grösst- möglicher Mannichfaltigkeit in Conflict kommen kann. Allge- meine Regel nun ist, jede Bedingung der Wohlgefälligkeit nur so weit zu steigern, dass nicht durch die daraus hervorgehende Schwächung anderer ästhetisch mehr verloren als von erster Seite gewonnen werde. Bei der grossen Zusammensetzung der Be- clingungen aber, welche zum Eindruck des Kunstwerkes zusam- menwirken, kann hierüber im Allgemeinen nur der Tact des Künst- lers entscheiden. F e c h n e r , Vorschule Aesthetik.