263 Den Geschmack in objectivem Sinne (S. 933) verstanden, lässt ein in einer gewissen Zeit, einer gewissen Ausdehnung herr- schender Geschmack sich bis zu gewissen Gränzen schon dadurch rechtfertigen, dass er ein andrer ist, als der in der eben vergangenen Zeit oder dem nachbarlichen Raume herrschende Geschmack. Denn der Mensch bedarf, um nicht gegen gegebene Quellen der Wohlgefälligkeit abgestumpft zu werden, des Wech- sels derselben; und möchte man also auch den antiken Geschmack in bildender Kunst, Architektur, Kunstindustrie allgemein gespro- chen jedem andern vorziehen, so müsste man doch zeitliche und örtliche Abweichungen von demselben gestatten , die, obwohl bei Gleichsetzung alles Uebrigen minder vortheilhaft, doch eben nur durch den Wechsel mit dem antiken zeitlich und örtlich vortheilhafter würden. Indessen bedarf die Anwendung dieses Principes grosser Vorsicht und wird durch ein gegenwirkendes Princip beschränkt. Im Allgemeinen wechseln die Verhältnisse, mit welchen der Geschmack in Beziehung zu treten hat, schon von selbst so sehr nach Zeit und Ort, dass hiemit auch von selbst Abänderungen in den Foderungen des Geschmackes eintreten, welche dem Bedürf- niss des Wechsels entsprechen, ohne dasselbe unabhängig davon zu berücksichtigen. Also wird das Bedürfniss des Wechsels nur insofern massgebend sein können, als die übrigen Umstände, welche die Foderungen des Geschmackes bestimmen, die Wahl zwischen Forterhaltung und Wechsel freilassen, oder Vortheile, welche verschiedene Geschmacksrichtungen nach verschiedenen Seiten darbieten, im Wechsel zur Geltung gebracht werden sollen. So hat der Baugeschmack im Spitzbogenstil und im Bundbogenstil jeder seine Vortheilc und Vorzüge; man wird beiden gerecht und erfüllt damit zugleich das Bedürfniss des Wechsels, indem man nicht einen von beiden einseitig bevorzugt. So wird selbst der chinesische Baugeschmack seine Stelle finden können. Durch kein Bedürfniss des Wechsels aber könnte auch nur zeitlich oder örtlich ein Baustil gerechtfertigt werden, der den Bedingungen der Halt- barkeit und überhaupt Zweckmässigkeit widerspricht. Liegt nun schon eine sehr allgemeine Beschränkung des vorigen Principes darin, dass überhaupt nicht vom Guten zum Schlechten gewechselt werden soll, so beschränkt sich dasselbe noch specieller und directer durch folgendes, ihm geradezu entgegengesetzt lau- lendes, doch nur scheinbar widersprechendes, Princip: ein, in