Die Aesthetik VOll Oben und VOII Unten. Die doppelte Weise, wie sich die menschliche Erkennlniss zu begründen und zu entwickeln strebt, macht sich auch in der Aesthetik, der Lehre vom Gefallen und Missfallen oder nach Andern der Lehre vom Schönen, geltend. Man behandelt sie nach einem kurzen Ausdrucke von Oben herab, indem man von allgemeinsten Ideen und Begriffen ausgehend zum Einzelnen ab- steigt, von Unten herauf, indem man vom Einzelnen zum Allge- meinen aufsteigt. Dort ordnet man das ästhetische Erfahrungs- gebiet einem, von obersten Gesichtspuncten aus construirten. ideellen Rahmen nur ein und unter; hier baut man die ganze Aesthetik auf Grund ästhetischer Thatsachen und Gesetze von Unten an auf. Dort handelt es sich in erster und zugleich höch- ster Instanz um die Ideen und Begriffe der Schönheit, der Kunst, des Stils, um" ihre Stellung im System allgemeinster Begriffe, ins- besondre ihre Beziehung zum Wahren und Guten; und gern steigt man damit bis zum Absoluten, zum Göttlichen, den göttlichen ldeen und der göttlichen Schöpferthätigkeit hinauf. Aus der rei- nen Höhe solcher Allgemeinheiten steigt man dann in das irdisch- empirische Gebiet des einzelnen, des zeitlich und örtlich Schönen herab, und misst alles Einzelne am Massstabe des Allgemeinen. Hie r geht man von Erfahrungen über das, was gefällt und miss- fällt, aus, stützt hierauf alle Begriffe und Gesetze, die in der Aesthctik Platz zu greifen haben, sucht sie unter Mitrücksicht auf die allgemeinen Gesetze des Sollens, denen die des Gelallens immer untergeordnet bleiben müssen, mehr und mehr zu verall- gemeinern und dadurch zu einem System möglichst allgemeinster Begriffe und Gesetze zu gelangen. Fechner, Vorschule d. Aesthetik. 1