294 Lection. Achtzehnte Uebermahung. wie sie Rubens öfters machte, Man verschönere also immer ein wenig diejenigen Parthieen, die nicht zur wesentlichen und genauen Aehnlichkeit gehören. Man hat keineswegs nöthig, das Modell von dem, was man in dieser Rücksicht thun will, in Kennt- niss zu setzen, man muss nicht einmal deshalb Bedenken äussern, sondern man braucht nur dem Modell zu sagen, man könne diese oder jene Parthie ohne seine Gegenwart vollenden, und es wird wohl damit zufrieden sein. Unterdessen suche man sich für die Parthieen, die man etwas verschönern will, ein anderes Modell zu verschaffen, zwar von ähnlicher Gestalt, aber vortheilhafter von der Natur gebildet, und wenn das Modell dieses zufälliger- Weise erfahrt, so entschuldige man sich damit, dass man ihm eine Menge Sitzungen habe ersparen wollen; dieses wird hinrei- chend sein, die Eigenliebe zu befriedigen. Fast alle Personen, die sich malen lassen, geben zu er- kennen, sie wollten nicht geschmeichelt sein, sie fügen wohl noch sehr vernünftige Gründe hinzu, und werden das wirklich in gutem Glauben thun. Allein sollte man nicht wissen, dass jeder Mensch, ohne Ausnahme, sich für besser halt, als er wirk- lieh ist? Ich sage dieses ohne alle Böswilligkeit, es ist eine Wahrheit, welche uns die Zeit und Erfahrung lehrt, die Natur will es so haben, und es ist ein Glück. Wenn einige Personen ihre Hässlichkeit ahnten, oder nur dass sie lange nicht so gut waren, als andere Menschen, deren Gestalt und Ausdruck sie nicht leiden können, so würden sie sich nicht mehr vor der Welt sehen lassen, sie würden sich unglücklich fühlen und ihren Freunden zur Last fallen. Die gute Meinung, die wir von uns selbst haben, ist also eine Wohlthat des Himmels, wenn diese kleine Lächerlichkeit nicht zu weit getrieben wird; und weil jeder Mensch in diesem Falle ist (denn ich nehme Alt und Jung nicht davon aus),_ so halte man sich nicht verbunden, die Mahnung, einem Portrait gar nicht zu schmeieheln, genau zu befolgen. Man wird es gewiss nicht bereuen, man wird die Menschen glücklich, vielleicht gar eifersüchtig machen. Allein das Talent, angenehme Aehnlich- keiten hervorzubringen, ist nicht Jedermann gegeben und zum Theil eine Gabe der Natur.