360 Oberitalien. Die cremoner Schule. Bianconi scheint ihr nicht zu trauen, und es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass sie um einige Jahre später als das Werk von einer andern Hand hinzugefügt ist. Bernardino, vielleicht ein Verwandter der drei obigen Campi, ist unter den Seinen, was Annibale unter den Caracci. Anfangs von dem ältesten Campi unterrichtet, ging er auf dieselbe Absicht ein, einen Styl zu bilden, der von Vielen entlehnte; in k_urzer Zeit wetteiferte er mit dem Meister und übertraf ihn, wie Viele meinen. Nach seines Vaters Wahl hatte. er sich anfangs auf das Goldschmicdegeschiift ge- legt; als er nachher zwei von Giulio Campi copirte Tep- piche Raffaels sah, gab er sein Handwerk auf, ging in Cremona zu Campi, nachher in Mantua zu Ippolito Costi in die Schule, bekannte sich im neunzehnten Jahre zur Male- rei und wurde darin in so früher Jugend Meister. In Mantua hatte er Giulio Romano und seine Schule kennen gelernt; ihre Arbeiten mögen ihn wol angeregt und für grosse Unter- nehmungen begeistert haben, aber Raffael lag ihm immer am Herzen, seine Gemälde, Zeichnungen, Stiche scheinen seine Wonne gewesen zu sejn; Giulio und Andern eiferte er wol nur nach, wo er seinem Raffael in ihnen zu begegnen glaubte. Dort studirte er auch Tizians Cäsaren, deren elf waren, und nachdem er sie copirt, setzte er den zwölften in so gleichem Style hinzu, dass er nicht nachgeahmt, son- dern ureigen schien. Auf Kosten eines seiner Gönner reiste er auch nach Parma, Modena und Reggio, um Coreggiws Styl kennen zu lernen; wie viel er dort lerntcikönnen seine Gemälde in S. Gismondo hinlänglich darthun. Aus diesen und andern Grundbestandtheilen nun bildete er sich einen der sel- tensten Style, die man bei Nachahmern findet. Nie ist seine Nachahmung so unbcwunden, wie zumeist bei andern; sondern, so wie Sanazzar die besten lateinischen Dichter nachahmt; ieder Vers ist nach ihnen colotirt, aber doch ganz sein eigen. Unter diesen verschiedenen Mustern ist das geliebteste, das was er am meisten betrachtet, wie Sincerus den Virgil, Raffael; und wohl ihm, wenn er Rom und die Urbilder dieses grossen Geistes dort gesehen hätte! Dafür half er sich nun so gut er konnte und bildete sich einige Grundsätze von Ein- falt und Natürlichkeit, welche ihn vor den Uebrigen seiner