Tizian. Allegorische Bilder. 531 sie ihr Gesicht und blickt starr in's Weite. Die reich herabiluthenden blonden Locken sind von einem zarten Myrthenreis als Diadem umgeben. Vergebens plätschert ein reizender Amor dicht neben ihr in heitrem Spiel mit dem Wasser des Brunnens, das vorn aus einer Mündung schim- mernd auf den saftigen Rasen strömt. Die stolze Schöne scheint starr und unbewegt; mitleidslos hat sie aus dem Strauss in ihrer Rechten die Rose entfernt und die arme Blume der Liebe zerpilückt auf den Rand des Brunnens geworfen. Ünd doch, täuscht uns nicht ein prü- fender Blick, doch ist in der Haltung des schönen Kopfes Etwas, das auf den inneren Kampf deutet. Das Auge ist abgewandt, aber das Ohr den schmeichlerischen, {lebenden Vorstellungen zugekehrt, mit welcher die Liebe selbst, von den beredten Lippen ihrer schönsten Vertreterin, sie innig zu bestürmen scheint. Wie dringend wissen die glänzenden Augen der holden jugendlichen Gestalt, die auf dem anderen Ende des Brunnens sitzt, zu bitten! wie herzlich neigt sie sich der spröden Gefährtin entgegen! wie ist jede Linie des reinen, zarten, an- muthvollen Körpers in seiner gottgeschaffenen Nacktheit, noch gesteigert durch das reich herabwallende rothe Gewand, einer sanften Musik zu vergleichen, die den süssesten Worten als Begleitung dient! In diesen Kampf der Empfindungen, in diese Herrlichkeit ent- zückender Gegensätze lässt uns der grosse Meister blicken. Wer denkt da noch an Allegorie? Die stärkste, reinste Gewalt des Lebens, ver- klärt vom unsterblichen Hauche der Poesie, umfängt das Gemüth und hebt es in eine höhere Sphäre des Daseins. Die ganze goldige Klar- heit, die Frische und Kraft und zugleich der zarteste Farbenschmelz aus des Meisters Jugendzeit liegt auf dem Bilde. Die liebevoll zarte Vollendung, die zierlich durchgeführte Landschaft bestätigen diese Annahme, die Behandlung des Kolorits und namentlich der Kopf der bekleideten Dame, mit den üppig vollen Wangen, mahnt an die Epoche, wo Tizian denSpuren Palma's nachging. Eine spätere Zeit des Meisters vertritt die reizende Composition, welche unter dem Namen der „drei Lebensalter" bekannt ist. Sie zeigt in schattenreicher Landschaft einen jungen Hirten neben einem schönen blonden Mädchen auf dem Rasen gelagert. Er scheint sie im Flöten- spiel unterrichten zu wollen, und sie blickt mit unschuldiger Hingebung und Treuherzigkeit ihn an. Zur Seite sieht man zwei schlummernde Kinder, über welche unbemerkt Amor hinwegschreitet. Im Hinter- grunde ruht ein Greis, der sich der Betrachtung eines Todtenschädels überlässt. Der poetische Gedanke des Bildes ist so einfach natürlich