470 Buch Kapitel. Lombarden und Piemontesen. der Geberdensprache werden. Kein Künstler hat über eine schönere und reichere Melodie des Faltenwurfs zu verfügen. Man erkennt aus allen diesen Zügen einen Meister, der mit voller Lust sich in seinen Aufgaben ergeht und der, selbst wo er genrehafte Elemente, Figuren im Zeitkostüme, heitere Episoden einmischt, doch fast immer dabei Schönheit und Adel im Auge behält. Nur im gelegentlichen Anbringen jener kretinartigen Gestalten, die er selbst bei Darstellungen der Passion nicht verschmäht, verräth sich ein Rest ungeläuterter volksthümlich derber Empfindung. Den Anfang machen die Fresken in Varallo, von denen die frühesten, die am {meisten sein ursprünglich lombardisches Gepräge verrathen, sich in einer früher der Madonna, jetzt der heil. Mar- garetha gewidmeten Kapelle der Franziskanerkirche S. Maria delle Grazie befinden. Er malte hier, angeblich 1507, im Auftrage der edlen Familie Scarognini zwei Fresken der Beschneidung -und des zwölf- jährigen Christus unter den Schriftgelehrten. Letzteres ist eine überaus lebendige Composition, deren Einzelheiten" in der Charakteristik der spitzfindigen Pharisäer zum Theil an Mazz0lino's Auffassung erinnern; überaus edel und rein ist die Jugendgestalt Christi, der in einer hohen Bogenhalle auf erhöhtem Standort die ganze Scene auf's schönste be- herrscht. Zu seinen entzückendsten Schöpfungen gehört aber die Be- schneidung (Fig. 111), die von einem Klang reinster Jugendanmuth durchhaucht ist. In derselben am Fusse des Sagro Monte gelegenen Kirche malte er sodann bis 1513 an der ganzen etwa 30 Fuss breiten und 24 Fuss hohen Querwand vor dem Chor eine ausgedehnte Dar- stellung der Passion mit dem grossen figurenreichen Mittelbild der Kreuzigung und nicht weniger als zwanzig einzelnen Seitenbildern aus dem Leben Christi und der Madonna, mit der Verkündigung beginnend und mit der Auferstehung schliessend. Wie später in Lugano wollten auch hier die Mönche das beliebte und ergreifende Thema dem Volke möglichst nachdrücklich vor Augen stellen, aber während Luini dort das ganze Drama in einem einzigen Riesenbilde behandelt hatte, sucht hier Gaudenzio es in einzelne selbständige Scenen aufzulösen und zeigt sich dadurch als der modernere Meister. Allerdings sind alle diese Bilder nicht von gleichem Werthe, im Ganzen aber darf man sagen, dass jene Epoche in Italien keine Darstellung dieses grossartigen Drama's von gleicher künstlerischer Bedeutung hervorgebracht hat. Einzelne Motive erinnern noch an die Kunst Perugin0's, allein Alles ist von einer freien Künstlerkraft gestaltet und in einfachen, ergreifenden Com- positionen voll nachdrücklichen Lebens entfaltet. Im Hauptbild der