Bernardino Luini. 451 Das Herbe, Leidenschaftliche ist nicht sein Reich, und selbst die Männer- oder Greisenköpfe haben mehr den Charakter milder Gelassenheit, als energischer Thatkraft. Für figurenreiche Compositionen fehlt ihm der grosse einfache historische Zug und der lautere Rhythmus der Anord- nung. In solchen Schöpfungen hält er sich nicht frei von der naiven Üeberladung der älteren Zeit, und selbst das Raumgefühl und der Maassstab der einzelnen Gestalten ist nicht immer mit Sicherheit ge- handhabt. Aber er entschädigt dafür durch die oft hinreissende Schön- Christus unter den Schriftgelehrten, Luini. London heit, die zarte Reinheit, den seelenvollen Ausdruck seiner jugendlichen Köpfe und Gestalten, nicht minder durch das schöne warme Kolorit und die liebevolle Sorgfalt der Durchbildung. Zu seinen früheren Arbeiten darf man wohl mehrere trefflich ausgeführte Bilder rechnen, in welchen er, vielleicht noch unter der unmittelbaren Leitung Lionardds, Entwürfe dieses grossen Meisters benützt hat. Dahin gehört das schöne in der Nationalgalerie zu Lon- don befindliche Bild, welches den zwölfjährigen Christus unter den Schriftgelehrten darstellt. (Fig. 105.) Man kann die göttliche Reinheit einer edlen Jünglingsseele im Gegensatz zu irdischer Verschlagenheit