220 B u eh Kapitel. Rafa ePs Jugend. steht eine jugendliche Gestalt, während ihr Gegenüber auf dem Ent- wurf noch fehlt. Nur der h. Augustinus, der gleich der Madonna ebenfalls eine Krone halt, ist in seine geistlichen Gewänder gehüllt, die übrigen Figuren dagegen sind als Modellstudien im knappen Zeit- kostüm gezeichnet. Erhebt sich dies Alles nicht über das Niveau der in der umbrischen Schule hergebrachten Motive von Ausdruck und Be- wegung, so überrascht dagegen die originale Frische und Keckheit in der schlanken, fein bewegten Gestalt des h. Nicolaus und seines Widersachers. Hier durchbricht der Genius Bafaelis glänzend die Schranken der Tradition. Noch ein drittes Bild führte er damals für S. Domenico aus, Christus am Kreuz, unter welchem man Maria und Johannes stehend, Magdalena und Hieronymus knieend sieht, jetzt bei Lord Ward in London. Zwei schwebende Engel halten Kelche, um das aus den Wunden fliessende Blut aufzufangen. Eine stimmungs- volle, ächt umbrische Landschaft bildet den Hintergrund. Auch hier bewegt sich der jugendliche Künstler noch in den Bahnen Peruginols, aber er durchdringt Alles mit tieferer Empfindung, erfüllt die Gestalten mit feiner betonter Bewegung. Schon damals muss der Ruf des jungen Künstlers also über die Mauern von Perugia hinausgedrungen sein, und die Zeitgenossen mögen in seinen Arbeiten, so sehr das allgemeine Schulgut darin verwaltete und sein Eigenstes noch zurücktrat, doch etwas den übrigen Werken seiner Mitschüler Ueberlegenes erkannt haben. Die Anmuth seiner Persönlichkeit, das Gepräge von angeborenem Adel, das die feine Ge- stalt auszeichnete und aus den seelenvollen Augen hervorleuchtete, trug dazu bei, ihn rasch beliebt zu machen. Bei seinem Aufenthalt in der Heimath hat er sicherlich nicht verfehlt, sich seinem Landes- herren vorzustellen. Die Folge war ein Auftrag des Herzogs Guido- baldo, ein kleines Andachtsbild auszuführen, das jetzt im Besitz des Herrn Fuller Maitland, in Stanstead, Essex, sogar in einem zweiten Exemplar vorhanden ist. Es stellt in genauem Anschluss an eine Composition Peruginds, nur mit geringen Ümänderungen, Christus am Oelberge betend dar. Sowohl die Gestalt Christi und die drei schlafenden Jünger, wie die im Hintergrund erscheinenden Soldaten sind noch ganz in den traditionellen Formen der umbrischen Schule befangen. Zwei ähnlich kleine Bildchen, die Taufe Christi und die Auferstehung in der Pinakothek zu München, dort ebenfalls Rafael zugeschrieben, sind dagegen mittelmassiges Schulgut, ziemlich schwach in der Zeichnung und bunt in der Färbung.