126 Buch KRP Michelangelo Buona: tonen des lediglich Heroischen und Herkulischen vernichtet wird. Dreimal hatte Michelangelo durch grosse Schöpfungen der Malerei die Welt zur Bewunderung und Nacheiferung hingerissen: durch den Horentiner Karton, durch die Decke der sixtinischen Kapelle, durch das Jüngste Gericht. Ist letzteres an malerischer, oder vielmehr plastischer Gewalt unvergleichlich, so stehen die Deckenbilder an innerer Erhabenheit unbedingt höher. Man darf sagen: die Decke der Sixtina verhält sich zum Jüngsten Gericht etwa wie die Giebelskulpturen des Parthenon zum Laokoon. Nach Vollendung dieses Riesenwerkes wusste Paul III. den Meister abermals zu einem Werk der Malerei zu bestimmen: den beiden Fresken in der von diesem Papst erbauten Cappella Paolina des Vatikans. Er stellte hier die Kreuzigung Petri und die Bekehrung des Saul dar, und vollendete diese Arbeiten 1549. Die Darstellung des mit dem Kopf nach unten anls Kreuz geschlagenen Petrus, an sich schon ein widerwärtiger Gegenstand, bot wiederum Anlass zur Entfaltung ath- letischer Körperformen in äusserster Gewaltsavmkeit der Bewegungen. Ueber die malerische Behandlung und Wirkung der Bilder lässt sich nach den schweren Beschädigungen, welche dieselben erlitten haben, nicht mehr urtheilen. In der Bekehrung Pauli ist das Gewaltsame, Momentane mit unleugbarer dramatischer Kraft geschildert, und be- sonders die Gruppe des zu Boden hingestreckten geblendeten Saulus mit den im mannichfaltigsten Ausdruck von Schreck und Entsetzen ihn iungebenden Begleitern von hohem Werth. Auch die Gruppe zur Rechten variirt dasselbe Thema mit ergreifender Gewalt. Das in kühner Verkürzung sich bäumende, seines Reiters entledigte Pferd, welches die beiden Gruppen trennt, bildet an sich ein wirksames Motiv, wenn es auch als Mittelpunkt des ganzen Bildes nicht eben glücklich gewählt erscheint. Am wenigsten befriedigen die oberen Gruppen: Christus, der in starker Verkürzung köpflings aus dem Himmel herab- stürzt, entbehrt zu sehr der Würde, und die zahlreichen, ihn um- gebenden nackten Gestalten sind zwar wieder Beweise des grossen künstlerischen Wissens und Könnens, lassen aber den hier erforder- lichen Eindruck himmlischer Heerschaaren zu sehr vermissen. Diese Theile sind eben, gleichwie das Jüngste Gericht, nichts anderes als eine grosse gymnastische Produktion. In diese spätere Lebenszeit Michelangelds fällt sein Verhältniss zu Vittoria Colonna. Als er die durch Schönheit, Seelenadel, Hoheit des Geistes und innige Religiosität ausgezeichnete Frau im Jahr 1537