Kapitel. Die von Venedig. Schule 513 Dasselbe gilt von der Malerei, die wir bis um 1450 noch durch- aus in althergebrachtem Geleise sich bewegen sehen, Nun aber Sollte die gewaltige Kunst Mantegna's aus dem benachbarten Padua einen kräftigen Impuls auf die stagnirende venezianische Schule ausüben, sie aus dem langen Schlafe aufrütteln und zu neuem Leben befreien. Die Aufgaben, welche man hier der Malerei stellte, bewegen sich noch lange Zeit fast ausschliesslich auf religiösem Gebiet, und zwar im begrenzten Rahmen des Andachtbildes. Der Kreis der Anschauungen ist so eng, wie kaum bei den gleichzeitigen Sienesen; man erkennt sofort den noch völlig in die Fesseln kirchlicher Tradition gebannten Geist der Bevölkerung. Vom Stoffgebiet der Antike hält sich diese Malerei während des 15. Jahrhunderts noch gänzlich fern; sie fand keine Besteller, welche die namentlich bei den Florentinern so beliebten allegorisch-mythologischen Darstellungen verlangten. Die Nähe Padua's mit seinen gelehrten Bestrebungen, die in der dortigen Kunst sich so nachdrücklich äussern, wirkte nur auf die dekorative Ausstattung der Altarwerke mit schönen Renaissancethronen und dgl. hin. Noch auf- fallender ist das fast völlige Aufgeben der Freskomalerei. Man hatte- die Beobachtung gemacht, dass die Feuchtigkeit und die salzigen Aus- dünstungen des Meeres nicht bloss am Aeusseren, sondern selbst im Innern der Gebäude den Fresken raschen Untergang brachten. So kam man denn hier früher als anderswo dazu, bei der Ausschmückung der Säle, zunächst im Dogenpalast, grosse Gemälde auf Leinwand an- zuwenden, welche in Rahmen gefasst wurden und ein neues System der Dekoration begründeten. Als Gegenstände für diese grossräumigen Werke wählte man Momente aus der Greschichte der Republik, und wohl hätte sich hier eine monumentale Malerei entwickeln können. Allein ein besondrer Hang zu genrehafter Auffassung, zur Hervor- hebung von Einzelzügen und Episoden liess doch das eigentliche Ge- schichtsbild nicht aufkommen. Man blieb im allgemeinen Sittenbild stecken, das freilich durch den bunten Völkerverkehr des Markusplatzes seinen besondren Reiz empfing. Hier sollte "sich zeigen, dass der grosse historische Sinn, welcher in Florenz seit Giotto die Malerei beherrscht und zu dramatisch-geschichtlicher Auffassung befähigt hatte, den Vene- zianern abging, und dass eine zwar anziehende, aber nicht tiefer ergreifende Schilderung ruhiger Zustande an die Stelle trat. Zwar sind die grossen Historienbilder des Dogenpalastes durch den ver- hängnissvollen Brand von 1577 zu Grunde gegangen; aber die noch vorhandenen kirchlich-legendarischen"Scenen eines Gentile Bellini und Lübkc, Italien Malerei. I. 33