Kapitel. Um brisch-toskanische Schule. 417 rührung mit Signorelli kommt etwas Zwiespältiges in den künstlerischen Charakter des einfachen Klosterbruders, wie man an den Bildern in der Pfarrkirche zu Gastiglione Fiorentino, namentlich an einer thronenden Madonna mit Heiligen vom Jahre 1486 deutlich wahrnimmt. Wichtiger für uns ist die Gestalt eines anderen Künstlers, der in seinem bescheidenen Wirken allerdings nur eine Stellung zweiten Ranges einnimmt, aber schon als Vater Rafaels hohe Bedeutung für die Kunstgeschichte hat. Giovanni Santi von Urbino gehört zu den Meistern, welche auf der Grundlage umbrischer Gefühlsinnigkeit durch Berührungen mit Piero della Francesca und Melozzo eine eigenthüm- liche Üebergangsstellung gewinnen. Sein Grossvater Peruzzolo wohnte in den ersten Dezennien des 15. Jahrhunderts zu Colbordolo in der Grafschaft Urbino. Als 1446 Sigismondo Malatesta die Gegend ver- wüstete und auch das Besitzthum Peruzzolo's durch Feuer und Plünde- rung zerstörte, siedelte dieser 1450 nach der Hauptstadt Ürbino, wo er in einem von der Brüderschaft der Misericordia gemietheten Hause seinen Kramladen aufschlug. Sein Sohn Sante setzte nach des Vaters Tode das Geschäft mit solchem Erfolge fort, dass er wiederholt Grund- eigenthum erwerben und 1464 ein Haus in der Contrada del Monte ankaufen konnte. In diesem Hause wurde Rafael geboren. Sein Vater Giovanni wuchs zuerst in dem elterlichen Geschäfte heran, aber da seine Jugend in die Zeit fiel, wo unter dem edlen Herzog Federigo ein höheres Kulturleben am Hofe von Ürbino sich entfaltete, die Wissen- schaften gepilegt wurden und die Künstler durch den Neubau des Schlosses und dessen Ausstattung Anlass zu vielfacher Thätigkeit er- hielten, so regten sich in Giovanni höhere Neigungen. Er tritt in seiner noch erhaltenen Reimchronik nicht blos als ein wohlunterrichteter vielseitig gebildeter und poetisch begabter Mann uns entgegen, sondern steht bald auch unter den Malern seiner Heimath geachtet da. Bei wem er seine erste künstlerische Erziehung genossen hat, wissen wir nicht. Als 1468 Uccelli dort arbeitete, hat das Auftreten eines so bedeutenden Künstlers sicher auf Giovanni Santi eingewirkt, und als ein Jahr da- rauf Piero della Francesca dorthin berufen wurde, übertrug man Gio- vanni die Bewirthung des fremden Meisters. Dass er überhaupt die bedeutendsten Künstler der Zeit richtig zu schätzen wusste, geht aus seiner Reimchronik genugsam hervor. Wie sehr damals der Aufschwung des künstlerischen Lebens mit all seinen neuen Anschauungen gleich- sam in der Luft lag, beweisen die Werke Giovannfs. Sie gehören fast ausschliesslich dem engen Kreise des Andaehtsbildes an, Welches Lühke, Italien. Malerei. I. .27