Kapitel. Schule. UmbriscH-toskanis ch e 399 Eine durchaus verwandte Richtung finden wir bei einem anderen Künstler jener Gegend, der sich nach seiner Heimath Melozzo da Forli nennt und den Beweis liefert, dass die bei Piero wirkenden Einflüsse den Weg auch über die Apenninen zu finden wussten. Melozzo zeigt in der llfeisterschaft der Perspektive und der architektonischen Hinter- gründe, ebenso Wie in dem strengen Realismus der Auffassung solche Verwandtschaft mit Piero, dass er in seinen Arbeiten mehrfach mit diesem verwechselt worden ist. Doch verbindet sich mit diesen Eigen- schaften wieder ein starker Zusatz jener Gefühlswärme, die wir als umbrisch bezeichnen müssen. Um 1438 geboren, hat er ohne Zweifel in seiner frühesten Entwicklung Einfiüsse des Piero della Francesca. empfangen. Aber auch von Mantegna mag er durch seinen Landsmann Ansuino von Forli, welcher neben dem grossen paduaner Meister in den fünfziger Jahren bei den Eremitani- zu Padua beschäftigt war, berührt worden sein. Giovanni Santi preist ihn in seiner Reimchronik als seinen theuren Melozzo, der in der Perspektive so Grosses leiste. Sein Name taucht zuerst in Rom auf, wo er etwa um 1460 im Auf- trage des Herrn von Pesaro ein Madonnenbild copiren musste, welches man dem h. Lucas zuschrieb. Ebendort schuf er dann sein erstes bedeutendes Werk in den Fresken der Apsis von Sti. Apostoli, welche er 1472 im Auftrage des. Kardinals Riario, eines Nepoten Sixtus des IV., ausführte. Leider wurde dies grossartige Werk im Anfang des 18. Jahr- hunderts zerstört, und nur einzelne Figuren wurden gerettet. Den aufschwebenden Heiland sieht man jetzt im Treppenhause des Quiri- nals, mehrere Bruchstücke "von Aposteln und musicirenden Engeln sind in der Sacristei von St. Peter aufgestellt. Was bei allen diesen Werken am meisten überrascht, ist die Kühnheit der Verkürzungen, in denen sich das vollkommene perspektivische Wissen des Künstlers mit souveräner Meisterschaft ankündigt. Es ist das erste Beispiel jener Umwälzung der künstlerischen Grundanschauungem- welche an Stelle des strengen architektonischen Rhythmus der früheren Zeit selbst bei den feierlichsten Aufgaben die unbedingte Herrschaft der Wirklichkeit und der Gesetze des natürlichen Erscheinens stellte. Correggio sollte später diese Richtung wieder aufnehmen und zu den letzten Consequen- zen führen. Diese Tendenz tritt aber nicht etwa in ruhig abmessender Ueberlegung, sondern mit schwungvoller Begeisterung auf. die in den schwebenden jubilirenden und musizirendcn Engeln fast etwas Bacchan- tisches hat. Die Kühnheit der Verkürzungen, die von einem über- irdischen Sturm gepeitschten Gewänder, die glanzvolle Jugendschönheit