Fünftes Kapitel. Umbrisch-toskanische Schula So mächtig war der Glanz des florentinischen Kunstlebens, dass es weithin in Mittelitalien seine Anziehungskraft übte und kaum irgend einen der bedeutenderen Künstler der Zeit unberührt liess. Dies gilt besonders von den Künstlern der oberen Tibergegenden, in jenen Ge- bieten, wo die steilen Felsmassen des Apennin Toskana von dem alten Herzogthum Urbino scheiden. Diese umbrisch-florentinisehe Kunst wird einerseits durch die Weiche Gemüthsinnigkeit der Sienesen bedingt, welche mannigfach in den umbrischen Gebieten thätig waren, andrer- seits aber steht sie unter dem bestimmenden Einfluss des grossen künst- lerischen Lebens von Florenz. Von dort erhielt sie das, was den Sienesen fehlte, die tiefere wissenschaftliche Begründung, die Erforschung der Natur in allen ihren Erscheinungen, das anatomische Studium der menschlichen Gestalt, die Kenntniss der Linien- und Luftperspektive. Ein auffallend frühes Beispiel dieser Stilmischung, die unter vor- herrschendem Einfluss der Florentiner stattfand, bietet Giovanni Boccati, der von Camerino gebürtig war und sich 1445 in Perugia niederliess. Er malte ein Altarbild für die Bruderschaft der Disciplinati von S. Domenico, welches sich jetzt, allerdings theilweise übermalt, in der Galerie zu Perugia befindet. Man sieht auf einem marmornen Throne die Madonna in etwas steifer Stellung das nackte Christuskind auf dem Schooss halten, welches zwei Engel in Kinderröckchen mit Lauten- und Harfenspiel zu erfreuen suchen. Ein kleines weisses Windspiel hat sich auf das Knie der Madonna gewagt und leckt dem Christus- kind die ausgestreckte Rechte: ein ebenso seltenes, als gemüthlich an- sprechendes Motiv. Zu beiden Seiten des Thrones stehen in ehrerbie- tiger Entfernung die vier Kirchenvater, Gestalten, die im Charakter der Köpfe an Fra Filippo und Benozzo Gozzoli erinnern. Vor dem