Kapitel. der italienischen Frührenaissance. Kultur Die 257 brechers Masaccio gar nicht gesehen, denn dass jener Masaccio, welchen er unter den hervorragenden Künstlern seiner Umgebung neben Bru- nellesco, Donatello, Ghiberti, Luca della Robbia rühmt, nicht der Maler, sondern der Bildhauer Maso di Bartolommeo sei, ist über allen Zweifel festgestellt. Da der Male!" Mßsaßcio in demselben Jahre, in welchem Alberti nach langer Verbannung in die Vaterstadt zurückkehrte (1428), fern von Florenz, wie es scheint in Rom, hingeschieden war, so mag sich daraus erklären, dass Leo Battista dem jung verstorbenen Meister, dem er persönlich nie begegnet war, noch keine Aufmerksamkeit ge- schenkt hatte, als er seinen Traktat verfasste. Von den früheren Malern rühmt er nur einmal Giotto bei Gelegenheit der Navicella, die er mit Recht als ein Muster dramatischen Ausdrucks anführt. Dass im Üebrigen die Werke der abgelebten giottesken Schule, denen er grobe Verstösse gegen die Gesetze der Composition und schematisch conventionelles Wesen, vor Allem Mangel an Naturwahrheit verwirft, neben den neuen plastischen Schöpfungen eines Ghiberti, Donatello, Luca della Robbia als greisenhafte Erzeugnisse einer absterbenden Kunst erscheinen mussten, liegt auf der Hand. Und doch war bereits durch Masaccids bewundernswerthe Fresken in der Cappella Brancacci der Geist der neuen Kunst mit ihrem grossen Natursinn auch für die Malerei zur siegreichen Entfaltung gekommen. Die plastische Fülle der Gestalten verräth hier den Einiiuss der Bild- nerei; aber auch das Technische der Malerei zeigt den Fortschritt zum wirklichen Fresko (buon fresco), welches auf ein späteres Retou- chiren al secco verzichtet und im Vollbesitz aller Kunstmittel seine Gestalten in greifbarer Lebenswahrheit auf die Flachen setzt. Die Tafelmalerei verharrt zwar noch eine Weile bei der früheren Tempera- technik, obwohl auch sie durch grössere Tiefe und Kraft, durch feinere perspektivische Abstufung der Töne dem Streben nach Naturwahrheit zu entsprechen sucht. Zur vollen Wirkung gelangte sie aber erst, als die durch die Brüder van Eyck in Flandern erfundene oder vielmehr vervollkommnete Oelmalerei nach Italien drang. Üm dieselbe Zeit nämlich, als in Italien durch ein Zusammen- wirken grosser Meister die Neugestaltung des gesammten künstlerischen Schaffens sich vollzog, trat durch Hubert und Jan van Eyck ein ähnlicher Umschwung für die nordische Malerei in's Leben. Hier entwickelte sich die neue Kunstweise, völlig unberührt vom Hauch des klassischen Alterthums und des Humanismus, lediglich durch den tief in der Zeit liegenden Drang nach Naturwahrheit und Weltwirklichkeit. Lübke, Italien. Malerei. I. 17