Kapitel. Die Kultur der italienischen Frührenaissance. 235 S0 "wird man denn auch bei einem Urtheil über die Sittlichkeit jener Zeit sich hüten müssen, an alle Widernatürlichen Laster zu glauben, welche die literarischen Widersacher einander in den Invectiven vor- werfen. Dennoch bleibt in einem Volke von sinnlichem Temperament und in einer Zeit noch ungezügelter, durch höhere Sitte wenig ge- "dämpfter Naturkraft genug des sittlich verwerflichen übrig. Aber ehe wir ohne Weiteres den Humanismus dafür verantwortlich machen, erinnern wir uns lieber daran, dass das spätere Mittelalter auch bei uns im Norden, namentlich in den Klöstern zahllose Beispiele grosser sittlicher Verderbniss bietet, und daran war doch das klassische Alterthum völlig unschuldig. Ebenso giebt es schon im frühen Mittelalter bei Chaucer in den Canterbury tales bekanntlich Dinge, die den kecken Schil- derungen eines Boccaccio ebenbürtig sind. Doch wollen wir nicht in Abrede stellen, dass die Entfesselung des Subjekts auch ihre Schatten- seiten hatte, und dass mit den grossen Tugenden und edlen Inspi- rationen auch die Fehler, Laster und Verbrechen des von allen Banden der Autorität gelösten Individuums freien Spielraum erlangten. Zieht man die Summe der Erscheinungen dieser Wunderbar erregten Zeit, so ist des Herrlichen, menschlich Schönen und Guten eine solche Fülle, dass man die einzelnen Schatten in diesem glänzenden Bilde gern in den Kauf nimmt. Wer möchte unsere klassische Literatur bloss nach dem Ardinghello oder der Hildegard Heinse's oder gar nach SchlegeYs Lucinde beurtheilen? Trotz mancher Missklänge wird die Betrachtung des hohen Idealismus, der in der Welt des klassischen Alterthums sein Höchstes fand und mit wahrhaft religiöser Inbrunst die vergessenen Werke der Alten an's Licht zu ziehen suchte, stets von Neuem das Gemüth der nachgebornen Geschlechter, die mühelos dieser Wohlthaten sich er- freuen dürfen, mit Bewunderung erfüllen. Und welche Schwierigkeiten galt es damals zu überwinden! Ein unablässiges, mit Opfern jeder Art verknüpftes Suchen in den Klosterbibliotheken von ganz Europa begann schon seit Petrarca; einzelne glückliche Funde spornten den Wetteifer immer mehr an; wie oft aber wurde man durch täuschende Nachrichten irre geführt, wie durch jenen dänischen Mönch, der von den im Kloster Soroe bei Roeskilde vorhandenen vollständigen Dekaden des Livius berichtete! Von dem Zustande der Wissenschaften in den Klöstern erhält man solche Schilderungen, dass man erkennt, wie hohe Zeit es war, was von den antiken Autoren noch "vorhanden, dem sicheren Untergange zu entreissen. In Monte Cassino fand Boccaccio