88 Buch. Mittelalter. Das kreuzigten, der von wehklagenden Engeln umschwebt wird, zeigt eine ergreifende Innigkeit des Ausdrucks, welche dem Meister eine höhere Bedeutung einräumen würde als jene Kruciflxe. Andere Wandgemälde in S. Pietro in Grade zu Pisa lassen wenigstens eine ähnlich byzan- tinisirende Richtung erkennen. Was sonst noch an Kruciiixen und anderen Tafelbildern im Campo Santo und in der Academie zu Pisa bewahrt wird, gehört verwandter Richtung an. Auch in Florenz, das fortan immer bedeutsamer in die Kunst- geschichte eintritt, entsteht um diese Zeit ein ansehnliches Werk der Mosaikmalerei in der Altarapsis des Baptisteriums, 1225 laut in- schriftlichem Zeugniss von dem Franziskanermönch lFra Jacopo aus- geführt. Ein Kreuzgewölbe auf vier korinthischen Säulen bedeckt den schmalen rechteckigen Raum, aus dessen Ecken sich wunderlich ge- staltete Felder entwickeln, deren Abschluss gemalte korinthische Kapitale bilden. Auf diesen knieen jugendliche Gestalten in kurzen Röcken, welche mit Kopf und Armen ein grosses Medaillen unterstützen. Zwischen ihnen sieht man einerseits die thronende Madonna mit dem Kinde, grossartig und mit edel angeordneter Gewandung, die Gesichter leider stark restaurirt, andrerseits die ascetisch herbe Gestalt Johannes des Täufers. Der grosse von jenen Figuren gehaltene Kreis zerlegt sich sodann, von elegantem romanischem Laubwerk eingefasst, in acht Felder, welche von aufsteigenden Arabesken getheilt werden, nach oben in Engeliiguren auslaufend. Diese halten nach einem wiederholt in der altchristlichen Kunst auftretenden sinnigen Gedanken ein Medaillen mit dem Lamm Christi. Auf den Zwischenfeldern erheben sich acht strenge Prophetengestalten. Das Ganze ist ein Werk, welches mehr der altchristlichen als der eigentlich byzantinischen Richtung angehört. Die ausführliche Inschrift ermangelt nicht, den Künstler zu nennen und ihn als einen vor allen andern hervorragenden zu rühmen. („In tali pre cunctis arte probatus"). In etwas späterer Zeit fügte Andrea Tafi, der urkundlich bis 1326 vorkommt, die grossartigen Mosaiken der Kuppel hinzu, in welchen zwar mancherlei byzantinische Elemente wieder auftauchen, aber doch mit allmählich hinzutretenden Zügen einer freieren Auffas- sung gemischt. Diese Bilder beginnen im Scheitel mit einem breiten Ornamentkranz von Blumen, Ranken und Thieren, welcher idie kleine Laterna einfasst. An diesen schliesst sich ein zweiter Kreis, durch gemalte Säulen in Felder eingetheilt, wobei in der reichen Verzierung der spiralförmigen, gerippten, gewundenen Schäfte der romanische Stil