442 Sechstes Buch. II. Abtheilung. Erßer Abfchnitt. Schlufswort. feine Unternehmungen auf dem Gebiete der vervielfältigenden Künfle haben feine Zeit kaum minder nachhaltig beeinflufst, als feine eigenen Gemälde und diejenigen feiner Werkftatt. Was Scheinheiligkeit und Clafficitäts-Einfeitigkeit auch an Rubens auszu- fetzen haben mögen, er ift und bleibt doch eine jener ganz Wenigen ganz grofsen Künftlernaturen, welche die Menfchheit fehen und empfinden gelehrt haben, was noch Niemand vor ihnen gefehen und empfunden hatte. Eben- deshalb zog er die Mitwelt unwiderftehlich in den Kreis feiner Anfchauungen hinein; und ebendeshalb wird die Nachwelt, fo oft ihre künftlerifchen Schwingen lahm und matt zu werden drohen, immer wieder zu ihm zurückkehren als zu dem Quell der Gefundheit, der Kraft und der Natürlichkeit. Anton van Dyck und die des übrigen Rubens. Schüler und Mitarbeiter 531311325211 Niemals hat ein Künftler einen gröfseren Einflufs auf die Kunft feiner Zeit und feines Volkes ausgeübt, als Rubens; aber niemals auch hat ein Meifier in gleichem Umfange, wie er, feine Schüler und andere junge Kräfte zur Mit- arbeit an feinen eigenen Schöpfungen herangezogen. Seine eigentlichen Schüler gingen daher auch fo in feine Auffaffungs- und Darfiellungsweife auf, dafs fie es ihrer Mehrzahl nach nur zu einem geringen Grade individueller Entwicklung brachten und daher, wenn fie fich von dem Meifter felbft auch ftets durch ihre fchwächere Hand unterfcheiden, doch unter fich noch keineswegs immer klar aus einander gehalten werden. Mächtig ragt aus ihnen nur ein einziger MeiPcer hervor, deffen eigene künftlerifche Begabung und Individualität fo fiark waren, dafs er unzweifelhaft auch ohne Rubens einer der gröfsten Meifter des Jahr? hunderts geworden wäre und dafs er auch mit der Anregung, die er durch ihn empfing, ein Künftler von hoher felbftändiger Bedeutung blieb. vaf113ij1ck_ Diefer Künftler, der neben Rubens der gröfste Stolz der ftolzen Schelde- ftadt ift, war Az-zfovz mm Dyck I). So mächtig diefer in feinen früheren Jahren durch die Formen- und Farbenfprache, durch die Zeichnung und Pinfelführung feines gewaltigen Landsmannes beeinHufst wurde, fo ftandhaft wufste er doch feZmäQÄäYÄ von Anfang an das Recht feiner eigenen, mafsvolleren, ruhigeren Kunflauf- faffung zu wahren. Fehlte ihm die dramatifche Wucht des Rubens, fo war er im fiillen Schmerzenspathos defto inniger und gemüthvoller; fehlte ihm die überfprudelnde, manchmal an Derbheit grenzende Kraft feines Meifters, fo ent- fchädigte er dafür durch die beffere Beherrfchung der entgegengefetzten Eigen- fchaften, einer fchlichten Vornehmheit und einer feinen Empiindung; verfchmähte 1) Aeltefte Quellen: G. 1). ßellori: Le Vite etc. Roma 1672, p. 249-264. R. Soprani, Le vite de' pittori etc. Genoveß, Genua 1674 p. 305-306. Urkundenpublication: PV. H. Carpenter: Pictorial notices. Consisting of a memoir of Sir Ant. van Dyck etc. London 1844. Franz. Ausgabe von L. Hjrmam, Antwerpen X845. Neuere Literatur: 701m Smitlz. A cata- logue ruisonne III, London 1836, p. 1-236. Max Raofe: in feiner Gefchiedenis der Antwerpfche Schilderfchool, Gent 1879, p. 425-486 (auch deutfch von Reber). A. Miclziels: Van Dyck et ses eleves. Paris 1881. 71412: Guffrey! Ant. van Dyck. Sa vie et son oeuvre. Paris 1332. Grofses Prachtwerkf eingehend, leider nur im Verzeichnifs der Werke durchaus unkritifch. F. 7'. v. d. Branden in feiner Gefchiedenis der Antwerpfche Schilderfchool, Antwerpen 1883, p. 692-746.