104 Buch. Fünftes Vierter Abfchnitt. Erfindung geftochen. Befonders gefchätzt find feine rzwölf Monater, feine ß Gold- fchmiedwerkfiättena und feine aufserordentlich feinen Ornamentfiiche. Seine Figuren find ungewöhnlich fchlank und lang, aber immer von einer gewiffen franzöfifchen Eleganz. Für eine harmonifche Durchdringung des aus Italien eingeführten Ideals mit nationaler Empfindung war die Zeit noch nicht reif. Erft das volle flebzehnte Jahrhundert brachte fie Frankreich, wie Spanien und den Niederlanden. Weit fchlimmer jedoch, als in Frankreich, ftand es während des ganzen I6. Jahrhunderts noch in England1) mit der einheimifchen Kunft. Es würde zu weit führen, hier auf die Gründe einzugehen, weshalb die Malerei auf den britifchen Infeln, von denen im früheren Mittelalter doch ein eigenartiger, ein- flufsreicher Stil der Miniaturmalerei ausgegangen war (Bd. I, S. 193 ff., 266), während der eigentlichen Renaiffanceepoche, ja, während der Blüthezeit des englifchen Dramas unter Shakefpeare in tiefem Schlummer zu liegen fchien. Genug, dafs erft im I6. Jahrhundert unter dem eigenwilligen Regimente Hein- richs VIII. der Luxus und die Prachtliebe auch hier das Bedürfnifs nach male- rifchem Schmucke wieder erweckten, wenn auch zunächft nur das Bedürfnifs nach einer tüchtigen Bildnifsmalerei, wie fie dem Selbftbewufstfein jedes Einzelnen in diefem urkräftigen Menfchenfchlage fchmeichelte. Da es an einheimifchen Künfilern fehlte, berief man auswärtige Meifter. Wir haben gefehen (Bd. II, S. 456 ff), dafs Hans Holbein in England in erfter Linie Porträtmaler wurde; Mljflläligje und Hans Holbein's Kunfiweife beherrfchte das ganze I6. Jahrhundert in Eng- u-if-w- land. Nach ihm kamen Ant. Mor, Jooft van Cleve und eine Reihe anderer Niederländer, die fchon oben befprochen worden find (S. 86-88). Es wäre jedoch ein Irrthum, anzunehmen, England habe im I6. Jahrhundert überhaupt keine einheimifchen Maler befeffen. Vielmehr finden wir hier fo gut Liften angeftellter Hofmaler oder xsergeant-painterse, wie in anderen Ländern; und in ihnen ragen John Brßwn- in der erften Hälfte des Jahrhunderts Namen wie diejenigen Yolzn Brozcwfs, der And-Wrighr- als Alderman von London bis I5 32 lebte, und Andrezu Wrzjglzfs hervor, feines Nachfolgers im Hofdienft, der 1543 in demfelben Jahre, wie Holbein, ftarb 2); doch haben die Meifter diefes Schlages eben keine beglaubigten Werke hinter- laffen, aus denen wir ihre Fähigkeiten beurtheilen könnten; und wir werden gut thun, diefelben nicht zu hoch anzufchlagen, ja, im wefentlichen auf heral- difche und ornamentale, im beften Falle miniaturenhafte Arbeiten befchränkgzu w. Stretes. denken. Um die Mitte des Jahrhunderts war William; Stretes 3) (Street, Strote) Hofmaler Eduards VI. Sein Bildnifs des Earls of Surrey in der Sammlung I) Das Hauptwerk über das ältere KunPcleben in Englandfmd Horaze IIVaZpaIeÄr vortreffliche nAUCCdOlICS of Painting in Englandu , welche zuerfl: 1761 in London erfchienen, hier aber nach dem MurrayTchen Neudruck von 1872 citirt werden. Zu wenig bekannt in England ift die dann folgende "Gefchichte der Mahlerey in Grofsbritannienu von f. D. Fivrillo, Bd. V. {einer Gefch. d. zeiclm. Künfte, Göttingen X808. Für diefe ältere Zeit weniger wichtig, doch immerhin fchon hier zu citiren, ift Kick. und Sam. Redgravzfs nA century of Painters of the English schoolu, London 1866. 2) Hierüber vor allen Dingen G. Mklmls, Notices of the contemporaries and successors of Holbein und G. Scharf, Additional observations on some of the painters contemporary with Holbein in der englifchen Zeitfchrift "Archaeologiau, Vol. 39 (London I863), p. 19-56. 3) Waqßole, Anecdotes, p. 79; Waagen, Treasures of Art, III, p. 30. Nizlml: (a. a. 0., Archaeologia, Vol. 39, p. 81) nennt ihn wohl ohne genügenden Grund einen Holländer.