Das fpiite Mittelalter Italien. 437 die nordifch-gothifche Manier, der er {ich {iärker als irgend ein italienifcher Maler der Zeit anbequemte: Hagerkeit und übertriebene Ausbiegung der GePralten, Haft in den Bewegungen, Uebertreibung der Motive und Häufung in der Compofition, wodurch feine wirklich grofsen Eigenfchaften, Schwung, Phantafie, Streben nach befeeltem Ausdruck, leiden. Giotto erfirebte keine folche Gegenfätzlichkeit gegen feine Vorgänger, aber gelangte durch Befonnen- heit und Klarheit zu wirklichem Fortfchritte. Während er volle Freiheit von byzantinifcher Manier erreichte, wufste er llCh doch auch von der nordifchen Gothik frei zu halten und entwickelte eine künftlerifche Sprache, die der echte Ausdruck des italienifchen Nationalcharakters iPt. In diefem Sinne trifft das Wort des Cennino zu, dafs Giotto die Malerkunit aus dem Griechifchen wieder ins Lateinifche gewandelt habe 1). Gi0tto's Schüler u nvd Nachfolger. Von der technifchen Tradition in Giotto's Schule geben uns die Aufzeich- Technifchc nungen eines fpäteren Nachfolgers Rechenfchaft, das Buch von der Kunft [Mammon oder der Tractat der Malerei von Cezmizzo Ceßmizzi aus Colle im Val d'Elsa 2). gamma Hauptfache fcheint ihm der Anfchlufs an einen grofsen Meiiter, in deffen ce""i"i' ganzen Luftkreis der Maler eindringen müffe. Nur einem dürfe er folgen, nicht etwa bald diefem, bald jenem. Freilich empfiehlt Cennino auch das Zeichnen nach der Natur und die tägliche Uebung in dernfelbcn, aber der Anfchlufs an Vorbilder Iteht für ihn in erfter Reihe. Für die Auffaffung des Körpers ftellt Cennino beftimmte Mafsverhältniffe feil; er theilt den Kopf vom Schädel zum Kinn in drei Theile und berechnet nach diefer Einheit alle Längen- und Breitenverhaltniffe der männlichen Geftalt, die bei ihm im Ganzen 82f3 Kopflängen hat. Auch für das Landfchaftliche, Baume und Felfen, gibt er ganz allgemeine Vorfchriften. Bei Darftellung von Gebäuden äufsern {ich feine dunklen Vorfiellungen von Perfpectivei: die Gefimfe follen oben am Gebäude nach unten zu laufen, in der Mitte deffelben horizontal geführt werden, am Sockel nach oben anfteigen, und auch eine gewiffe Abtönung in der Farbe foll dabei itattfmden. Das Heifsige Zeichnen von Studien wird betont, und dabei wird wefentlich mit dem Silberftift auf grundirten Holztäfelchen oder auf Papier und Perga- ment gezeichnet, oft mit leichter Aquarellirung; das Paufen war im Gebrauche, befonders zum Uebertragen der Zeichnung auf die Mauer. Die wichtigite Technik der Schule ifi die Wandmalerei, ndie angenehmfte und fchönfte Arbeite; und hier zeigt fich nun Cennino im Befitze der Frescomalerei, die Frcsco- er als keine Neuerung anfieht, fondern als eine Technik, deren (ich der grofse malem Meifter Giotto bediente. Auf einen erften Bewurf wird die ganze Compofition mittels eines Quadratnetzes aufgezeichnet, dann wird ftückweife, foviel für einen Tag nöthig ift, ein neuer Bewurf aufgelegt, und mit Kalkfarben auf dem naffen Grunde, der für diefelben erforderlich ift, gemalt. Die Technik verlangt I) Cap. I: E1 quale Giotto rimutö Parte del dipilmgere di greco in latino. 2) Il libro dell' arte 0 trattato della pittura di Cennina Ceßmini da Calle di Vrzlzleya etc. her- ausg. von Grzet. u. Carlo jllilanzzß, Firenze 1859. -Deutfche Ausgabe von A16. llg, Quellenfchriften für Kunügefchichte, I, Wien 1871.