Mittelalter. Das hohe Italien. 317 Inmitten diefer Zerrüttung war nur Ein Element fähig, zum Träger des Sädlgifches Culturlebens zu werden: die Städte, die fich im Gegenfatze zu dem Lehens- C m flaat entwickelten, auf der Tradition der antiken Municipalverfaffungen, auf römifchem Rechte und geordneter Finanzwirthfchaft ruhten. Sie behaupteten fich zunächft felbftändig in ihren kleineren Bezirken, bis fie in der zweiten Hälfte des I2. Iahrhunderts durch Bündniffe unter einander zu umfaffender politifcher Macht gelangten; und {ie bilden nun auch die eigentlichen Sitze der Kunft, die in Italien nicht vorzugsweife von der Kirche beftimmt oder von den Höfen gefördert wurde. Der durch Arbeit, Gewerbe und Handel begründete Wohlftand der Städte fowie ihr ftolzes Selbftbewufstfein riefen die künftlerifchen Schöpfungen hervor, welche auch da, wo ihre Beftimmung eine kirchliche war, den Charakter öffentlicher Denkmäler des Gemeinwefens hatten. Neben den Städten machten fich dann einzelne hervorragende Klöiter, die als freie geifiliche Gemeinwefen daftanden, auch künfilerifch geltend. Diefe Beftrebungen kamen in erfter Linie der Architektur und der Decora- Baukunll. tion zuitatten. Freilich was die romanifche Baukunft des Nordens auszeichnete, die organifche Ausbildung der Conftruction und Gliederung, die trotz gewiffer localer Verfchiedenheiten einheitliche und confequente Entwicklung, fehlte hier. Die einzelnen Landfchaften bewahren in Italien ihren befonderen Cha- rakter und haben höchfiens in ganz allgemeinen Zügen Verwandtfchaft. Die architektonifchen Schöpfungen, mögen fie nun in manchen Gegenden als reine Fortfetzung der altchriftlichen Bauweife erfcheinen, oder in anderen Theilen des Landes Einflüffe der deutfch-romanifchen, der byzantinifchen und der arabifchen Kunft zeigen, gewähren durch die Mannigfaltigkeit der Anlage die glücklichen Verhältniffe, in denen floh oft die natürliche Begabung der, einzelnen Meifter ausfpricht, und die Pracht der Decoration, in welcher die Erbfchaft antiker Technik und Formenfprache erhalten bleibt, ein befonderes Intereffe. Dagegen bleiben Plafiik und Malerei aufeiner ungleich tieferen Stufe Iälaärlräifäma und beharren bei gröfserer Roheit und Formloligkeit, als die primitiven Leifiun- gen der nördlichen Völker. Während in diefen wenigftens geifiige Intentionen und ein kräftiges Ringen nach Ausdruck lebendig find, wird hier nur rein mechanifch, aus technifcher Gewöhnung heraus producirt, und das Gefchaffene trägt den Stempel dumpfer Gleichgiltigkeit und abgeftumpfter Empfindung. Wo fich aber der Sinn für Befferes regt, fuhrt derfelbe zunächft nur zur Er- werbung einzelner fremder Kunftwerke. Die Handels- und Seeflädte, die, wie Venedig, Genua, Pifa Amalh, mit fernen Ländern in Verbindung liehen und den lxVeltverkehr in der Hand haben, benutzen diefen zum Import ausländifcher Arbeiten, mit denen fie fich zufrieden geben 1). Roher Stil. wo die Barbarei am fiärkfien war und fogar im architektonifchen Wimd; mit CFCI Unfähxgkelt auffallt, horen nach M1tte des 9. Jahrhunderts d1e um Rom. In R0 m, Schaffen die I) 18111220111, Itzll. Pbrfchungen, I; Crawe u. Cawalrafelle I; Snlumzzfe Bd. IV. und VII. Für Unter- italien: I]. W Schulz: Denkmäler der Kunfi des Mittelalters in Unteritalien, herausgegeben von F. von Q1111]! 4 Bde. 4" und Atlas F01. Dresden 1860. Dernelria Säzlazzzra." Studj sni nmmunenti (lella Italia meridioxmale da] IV. a1 XIII. secolo, I, Napoli 1871 fnL, II im Erfcheilmen.