Das hohe Mittelalter. läliniaturmalerei. Die 283 würdig. Gaukelfcencn und Kampffcenen kommen vor, das Traumhafte, Abenteuerliche, ja Dämonifche wird hervorgefucht, und dem Ueberfchufs an Erfindung und Laune gefeilt {ich die formelle Gefchicklichkeit, ldie gar oft gewaltfame Stellungen anwendet, aber alle Motive mit kühner Sicherheit er- greift, fogar das Nackte zu behandeln weifs und bewundernswerthen Linien- fchwung fowie großartige Gefchloffenheit der Compofition erreicht. Dergleichen phantafiifche Darftellungen kommen auch im architektonifchen Ornamente des romanifchen Stiles, in Säulencapitellen, Friefen, Portalum- rahmungen vor, und es hat die neueren Forfcher der mittelalterlichen Kunit oft gereizt, einer fymbolifchen Bedeutung in ihnen nachzufpüren, entweder Reminifcenzen aus der nordifchen Mythe oder Aeufserungen religiöfer Myitik in ihnen zu fehen. Aber fchon der Umftand, dafs der formelle Urfprung folcher Thierfiguren und F abelwefen im architektonifchen Ornamente nachge- wiefen ift, indem die orientalifchen Teppiche, im Abendlancle immer eine gang- bare Waare, ihre unverkennbaren Mutter enthalten, 1) {teht anderen Interpre- tationen entgegen. Dazu kommt jene bekannte Briefftelle des heiligen Bern- hard, der gegen die phantaftifche Ornamentik der Kreuzgänge mit Unge- heuern, fabelhaften Beftien, Halbmenfchen, Kampffcenen eifert, durch welche der Betrachtende von der religiöfen Befchaulichkeit abgelenkt werden müffe. Das reicht hin um darzuthun, dafs f1e nicht zunächft in fymbolifcher Abficht gefchaffen wurden, wenn auch vielleicht die Phantafie des Volkes nachträglich in folche fchon beftehende Formfpielereien eine Deutung hineinzulegen fuchte. Damals wurden die Handfchriften der Beftiarien, des Phyfiologus, immer be- liebter, welche verfchiedene wirkliche und fabelhafte Thiere aufzählen und abbilden, von ihren Eigenfchaften berichten und in diefen Anfpielungen auf chriftliche Heilswahrheiten fuchenß) diefe Fabelliteratur gewann einen grofsen EinHufs und rief dann auch wirklich Bildwerke, die von folcher Auffaffung getränkt waren, hervor. Doch in den Verzierungen der Handfchriften hat diefe myflifche Auffaffung weit Weniger Boden als in der architektonifchen Decoration. Der Phoenix, der Pelican, wie wir {ie im Evangeliarium Heinrichs des Löwen gefunden, find zwar Motive aus dem Phyfiologus, aber derartiges tritt nur vereinzelt auf. Bei den phantaftifchen Initialen nach einem befonderen Sinne zu fuchen, etwa den Drachen beim Pfalme vSalvum me faca als Verkörperung einer drohenden dämonifchen Macht aufzufaffen, Würde zu weit gehen. Gerade diefe kalli- graphifche Ornamentik iit ein freies Spiel der Einbildungskraft, das durch die Keckheit und Laune, mit der es ernfte Daritellungen umrankt und unmittelbar neben der feierlichen Kirchlichkeit durchbricht, der mittelalterlichen Kunit einen befonderen Reiz verleiht. Wir haben jetzt folche Handfchriften berückiichtigt, deren Bilder forg- zeichnemie fältig in Gouachemalerei auf goldenem oder farbigem Grunde ausgeführt find Darneuunt" I) A. Springer, Ikonogrnphifßhß Studien, Mitthcilungen d, k. k. Centn-Comm. V. (X860) S. 67. 2) G. Heider, Physiologus, nach einer Handfchrift des XI. Jahrhunderts, Archiv f. Kunde ößerreichi- fcher Gefchichtsquellen, V, S. 541. Eine durch Alter und Kunftwerth befonders wichtige Handfchrift des Bestiaire, nach Waagen franzöüfch um 1200, im Afhmolean Mufeum zu Oxford. Andere Hand- fchriften zu Briiffel und Paris, verwerthet bei Calzier und Marlizz, mölanges (Yarchäologie, II, mit Ab- bildungen; vgl. auch Calziur, nouv. mälanges, cur. mysterieuses.