Die karolingifche Epoche. 209 Brüdern geiftlichen Standes, Beringar und Liuilzard, vollendet. Mit letzterem ift wahrfcheinlich der Schreiber Litlzzzard identifch, der am Schluffe des Parifer Gebetbuches genannt wird. In der Bibel deffelben Königs aus S. Callifto rühmt der Schreiber [ngoberl voll Selbftgefühles in einigen Verfen, dafs er die italieni- fchen Zeichner erreiche, ja übertreffe 1), und er hatte mit diefer Behauptung nicht Unrecht, wie uns bald ein Blick auf Italien zeigen wird. Als Klöfter, aus denen einige der fchönften Bilderhandfchriften hervor- Kllgäfferrtfgs gegangen lind, haben wir St. Martin in Tours und St. Martin in Metz kennen gelernt. Wichtige Stätten der Malerei in Frankreich und in Lothringen fcheinen dann namentlich noch Saint-Ricquier in der Picardie, Fontanelle Saint-Denis, Reims, Aachen, Lüttich gewefen zu fein, ebenfo in Deutfch- land die grofsen Klöiter Fulda, Reichenau, St. Gallen. In Klöftern ge- ringeren Ranges werden weit mäfsigere, oft dilettantifche und barbarifche Ar- beiten angefertigt, wie die zwei Bilder in der unter Ludwig dem Deutfchen (um 868) entitandenen Otfrid-Handfchrift aus Weifsenburg (Wien, Hofbib- liotheki). Eine blühende Schule der Miniaturmalerei auf deutfchem Boden entfaltete {ich aber namentlich in St. Gallen3). Als die hieher verptlanzte St. Gallen. irifche Richtung fich mit der karolingifchen berührte, vollzog {ich eine Wand- lung, die fchon vor der Mitte des 9. Jahrhunderts unter Abt Grimald (feit 841) hervortritt und fich unter feinem Nachfolger Hartmut fortfetzt. An der Grenze fteht das von dem Schreiber Woßcoz gefertigte Evangeliarium (Stiftsbibliothek Cod. 20). Eine neue Stufe bezeichnet der von Folrlzard gefchriebene Pfalter (Cod. 23), der neben entwickelter Ornamentik und vollendeter Technik in den Initialen doch in dem Figürlichen noch derb und ungefchickt bleibt, und das Pfalterium aureum (Cod. 22), das den Höhepunkt der dortigen Schule be- zeichnet. Die Initialen lind breiter ausgeführt als im Pfalter des Folchardus, aber oft höchit phantafievoll und bei durchweg rothumriffenem goldenem Geriemfel in Verbindung mit wenigen Tönen, vornehmlich Purpur und Grün, niemals Blau, von eigenthümlicher Farbenwirkung; die figürlichen Compofi- tionen find nicht in Deckfarben gemalt, wie in den Prachtcodices der Karo- lingerhöfe, fondern in zeichnender Behandlung, mitausgefpartem Pergament in den Gewändern, die nur derb fchattirt und mit Gold geziert oder umriffen fmd. Was aber hier vorzugsweife überrafcht, ift die Selbftändigkeit und F rei- heit in der Erzählung. Mag die Formenkenntnifs gering fein, mag bei dem Mangel an perfpectivifchem Gefchick eine Gruppe oft über der anderen {tatt hinter ihr ftehen, mag das Terrain nur durch einen wellenförmigen Purpur- {treifen mit einzelnen Gräfern angedeutet fein, der an den Füfsen der Geftalten haftet und mit den einzelnen Gruppen oder Figuren oft frei in der Luft fchwebt, fo lind doch die Momente aus der Gefchichte Davids mit unbefangener Lebhaftigkeit und Anfchaulichkeit verfinnlicht, wie die Scene, in der er fich vor König Achis wahnflnnig itellt, oder wie der Auszug des Heeres gegen die Syrer (Fig. 59). Selbft die Pferde, mögen fie auch in Purpur, Grün und I) Ingobertus scriba fidelis, graphidas- Aufonios aequans superansve tenore mentis, 2) Abbild. bei Westwaod, P. S. u. Silvexlre. 3) K. Kahn, Gefchichte der bildenden Künfte in der Schweiz, S. 130 f. Derfelbe, terium Aureum von St. Gallen, herausgegeben vom hillorifchen Verein des Canlons S. G. Tafeln); für Gefchichte der karolilzgifcheil Mininturmalerei überhaupt wichtig. Gefchichte d. Malerei. I4 Das Psal- 1878 (18