194 Zweites Buch. Periode. Ahfchnitt, Erfier all, und zwar vorzugsweife auf dem Boden des fränkifchen Merowingerreiches, in Gallien, in den Rheinlanden, Wandmalerei und Mofaik in Betrieb waren. Gälaxi2ä2k_ Dagegen erfchliefsen uns die Bilderhandfchriften den Einblick in eine Gattung künfllerifcher Thätigkeit, in welchem die urfprüngliche Gefchmacks- richtung der keltifchen und germanifchen Völker in voller Unabhängigkeit hervortritt. Die Denkmäler diefer Gattung gehen bis in das 7. Jahrhundert zurück und gehören verfchiedenen germanifchen Stämmen, noch mehr aber den Iren an, bei Welchen jener Gefchmack feine eigenthümlichfte Ausbildung em- pfangen hat. Irland, die von keltifcher Bevölkerung bewohnte Infel, auf welcher das Chriftenthum feit dem Jahre 430 Eingang gefunden, war von den Römern nie befetzt worden, blieb von den Stürmen der Völkerwanderung verfchont und erfreute fich einer friedlichen Entwicklung des chriftlichen Lebens. Hier entfaltete {ich eine auf Askefe, klöflerliches Leben, ftrenge Zucht und theo- logifche Gelehrfamkeit gerichtete Sinnesweife, die in der Folge durch wan- dernde irifche Mönche nach anderen Ländern, England, Schottland, dem Continent, übertragen ward. Ihr entfprach zugleich eine eifrige Pflege der Schreibkunlt 1). Kalligmphie- Die irifchen Mönche fchrieben mit feltener Fertigkeit und mit einer Hin- neigung zu künftlicher Kalligraphie, die ftark von den Schriften des Continentes abwich. Die Malerei in den Büchern entwickelte flch rein aus kalligraphifcher Verzierung, aus dem Schmuck der oft fehr grofsen Initialen oder aus der ornamentalen Ausfüllung "ganzer Flächen. Bei dem unmittelbaren Zufammen- hang diefer Malerei mit der Schrift ift anzunehmen, dafs der Miniator und der Schreiber in der Regel Eine Perfon waren; fteht doch auch in einem Evan- geliarium der Dombibliothek zu Trier die Bezeichnung Thomas scribsit auf den Bildern. {(223133- Der Stil diefer Verzierungen ift ein vorwiegend geometrifcher, in dem {ich das Linearornamentfwie es aus den Techniken des Flechtens, Stickens, Webens hervorgegangen, mit den kreisrunden Formen der Metallarbeit ver- bindet. Er ift verfchiedenen Völkern, namentlich auch den indogermanifchen, auf einer primitiven Stufe gemeinfam, tritt bei den Griechen, ehe fie den Ein- Hufs der vorderafiatifchen Kunft erfahren, in den bemalten Thonvafen älteften Stiles auf?) und bleibt in den nordeuropäifchen Arbeiten in Bronze und Eifen über ein jahrtaufend länger erhalten. Da auch die Erzarbeit in irifchen Klöflern betrieben wurde, ift folche Uebereinftimmung der Formen um fo erklärlicher; oft lagen beide Techniken fogar in Einer Hand, wie bei Dagaeus (1- 586), der zugleich als Schreiber und als Schmied in Erz und Eifen genannt I) Wrmgm, Delltfßhes Kllnflbläü, X850, S. 83. Ungcr, La miniature irlaxidaise, Revue celtique, I, 1871 S. 9, und Artikel Grotteske bei Evfclz und Grueber, I. Serie, B. 94, S. 188. Die präch- tigflen Publicationen bei O. llWstwaad, F ac-Sirniles of the miniatures and ornaments of Anglo- Saxon and Irish manuscripts, London 1868 FoL; ferner in delTen oben citirter Palaeographia sacra. F. IQZIer, Bilder und Schriftzüge in den irifchen Manufcripten der fchweizerifchen Bibliotheken, Mittheilungen der antiquarifchen Gefellfchaft in Zürich, B. VII, 3. Heft. Einzelnes in der Palaeo- graphical Society. 2) Vgl. oben S, 70. Zu dem erwähnten Auffatze von Conze in den Sitznngsberichten der Wiener Akademie, LXIV. Band S. 505, deffen Nachtrag ebenda, LXXIII Band, 1873, S. 22! und delTen Anffatz über Sahliemannlv Mykenae, Göttinger gelehrte Anzeigen, 1878, S. 385. G. Semper, Der Stil etc. II, München 1863, S. 138.