172 Buch III. Italien. XVI. Jahrhundert. Rafael. ä. 112.7 die innigste Vereinigung widerstrebender Gemüther hervor- zubringen. Das ist der Zauber der Schönheit, der sein gan- zes Wesen erfüllte, und durch alle Werke, die er geschaffen, hindurehleuchtet. Von schöner harmonischer Entwickelung der Form geht er zunächst aus, aber nicht in ähnlicher Ein- seitigkeit, wie man dies z. B. bei Meistern des XV. Jahr- hunderts findet: bei Rafael ist die Schönheit der Form der Ausdruck des edelsten Geistes und der höchsten Reinheit der Seele. Leonardo da Vinci ging, wie es scheint, zunächst von charakteristischer Durchdringung des Gegenstandes aus. Michelangelo zunächst von einer eigenthümlichen, einer gross- artig subjeetiven AufTassung, bei beiden ist die Schönheit der Form erst als ein zweites Element zu betrachten; bei Rafael umgekehrt. Mit grösster Entschiedenheit erkennt man diese seine Eigenthümlichkeit besonders in gewissen Werken, deren Gegenstand ihm durch fremde Bestimmung gegeben und der besonderen Richtung seines Geistes vielleicht minder angemessen war; hier ist das Einzelne nicht selten anziehen- der als das Ganze, und es gewinnen Nebenpersonen, welche in liebenswiirdigstei" Naturwahrheit dargestellt sind, ein grös- seres Interesse für den Beschauer als der Hauptgegenstand des Bildes. Rafaells Thätigkeit Ward, wie die der meisten grosscn Künstler jener Zeit, nicht von einer einzigen Kunst ausge- füllt, namentlich nimmt er auch als Architekt eine bedeutende Stelle in der Iiunstgeschichte ein, sowie er ebenfalls für die Erforschung der Werke des römischen Alterthums sehr B9- deutendes begonnen hat. Von einer der herrlichsten Statuen des neuern Roms da) wird ihm nicht nur der Entwurf oder das Modell, sondern neuerlich auch die Ausführung in Marmm- zugeschrieben. Indess werden seine anderweitigen Kunst- übungen der Art durch sein vorherrschendes Talent für die ae) Dem Jonas in der Capella Chigi, in S. M. del popolo. Passa- vants Gründe (I, 249) für die eigenhändige Ausführung durcih Rafael scheinen ziemlich einleuchtend. Ueber den Knaben auf dem Delphin, wovon sich ein Gypsabguss in der Mengxäschen Sammlung zu Dresden erhaltenhat, vgl. ebenda I, 250, und Kunstbl. 1837, Nr. 62.