Giovanni Bellini. 65 Luigi Vivarini das Scharfe und Herbe der Paduaner besänf- tigt erschien, ist bei ihm zu einer sittlichen Schönheit ge- worden, welche das Erdenleben zwar nicht verklärt, aber die edeln, wohlthuenden Seiten desselben herausfindet und mit unerschütterlicher Sicherheit eine bestimmte, gleiehmässige Linie in der Darstellung des Wirklichen einhält. S0 bleiben seine Gestalten bei lebendiger Naturwahrheit doch fern von dem Zufälligen und Kleinhehen; ihr Typus ist der eines höchst ansehnlichen, mit freier Anmuth begabten Menschen- geschlechtes, welches noch heute in Venedig nicht ausgestorben ist. Die Madonnen sind liebenswürdig und von einer gewissen hohen Grazie beseelt, die Heiligen lauter kräftige und edle Gestalten, die Engel heitere Knaben in behaglicher Jugend- fülle. In der Gestalt Christi aber bricht bisweilen eine geistige Macht und Herrlichkeit hervor, welche an wenigen Stellen der Kunstgeschichte ihres Gleichen findet; es ist die Grund- lage, auf welcher später Tizian seinen Cristo della moneta schuf. Mit Giovanni erreicht auch das venetianische Colorit, wenn nicht seine höchste Naturwahrheit, so doch seine grösste Intensivität und Durchsichtigkeit. Manche Gewänder nament- lich sind wie von klarem, in tiefster Farbe glühendem Krystall gebildet. Die grösste Anzahl von BellinYs Werken Endet sich in den Kirchen und Galerieen von Venedig, und zwar sind die datirten darunter fast lauter Werke seines vorgerückten Alters, zum Theil aus seinen achtziger Jahren, ohne dass sich desshalb eine Abnahme der Kräfte zeigte f); man kann im Gegentheil sagen, dass diesespätesten Werke den vene- tianischen Styl des XVI. Jahrhunderts auf die würdigste Weise einleiten. Die frühste vorhandene Hauptarbeit, vom 7 Jahre 1488, ist ein nicht sehr grosser Altar inider Sakristei Von S. Maria de" Frari, Madonna auf dem Thron mit zwei Engeln, auf den Seitenbildern vier Heilige, welche mit inniger Theilnahme auf das Christuskind hinschauen. Hier sind die L ü) A. Dürer schreibt 1506 aus Venedig: Er ist Ser alt 11m1 ist 110011 der pest im gemell (der beste in der Malerei). Kugler Malerei II. 5